TECH TALK MIT GUY SIGSWORTH UND ANDY PAGE

GUITAR RIG und REAKTOR im Studio mit Alanis Morissette

 
 

Andy Page und Guy Sigsworth


 

Als eine Hälfte des gefeierten Elektronika-Projekts "Frou Frou" und Produzent von u.a. Seal, Björk und Lamb hat Guy Sigsworth sich seine Sporen im Musikbusiness als hoch kreativer Kopf hinter dem Mischpult und am Computer verdient. Das letzte Jahr über hat Guy zusammen mit dem Gitarristen und Technologie-Experten Andy Page zusammengetan, um mit Alanis Morissette an ihrem kommenden Album "Flavors of Entanglement" zu arbeiten. Im Unterschied zu Alanis' früheren Veröffentlichungen wird dieses Album einen sehr viel elektronischeren Sound haben, dabei aber immer organisch klingen. In unserem Interview geben Guy und Andy uns einen exklusiven Einblick in ihre innovativen Vorgehensweisen, bei denen sie vor allem auf Guitar Rig und Reaktor setzen.


 

Das Interview

von Florian Grote



Welche Instrumente nehmt Ihr, wenn Ihr eine spontane Idee schnell aufzeichnen möchtet?

Guy: Das kann so lo-fi sein wie ein Diktiergerät oder hi-fi wie ein Protools HD-System oder andere Software. Manchmal ist es auch ganz klassisch ein Piano oder eine Gitarre. Ich habe schon auf die verschiedensten Arten Songs geschrieben. Einige meiner besten Ideen habe ich, wenn keine traditionellen Instrumente zu Hand sind.


Andy: Ich bin Gitarrist und daher enstehen auf diesem Instrument auch viele meiner Ideen. Manchmal möchte man aber auch nicht durch ein Instrument zu einer typischen Art zu komponieren gezwungen werden. Dann kann schon ein einziger neuer Sound ein Auslöser für deine Musik sein. 

Guy: Das sehe ich auch so. Ich bin ein sehr guter Keyboarder. Darauf verlasse ich mich oft, manchmal benutze ich aber auch lieber ein Instrument, das ich nicht so gut beherrsche, weil ich dann nicht auf meine gewohnten Muster zurückgreifen kann.

 

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Arbeitet Ihr mit Reaktor, weil es Euch diese Freiheit gibt?

Andy: Wenn man Reaktor benutzt, eröffnet das sehr viele neue Möglichkeiten. Man denkt eher aus einer Sound-Perspektive und gerät nicht so schnell in die typischen Melodie- oder Harmonie-Ecken.

Guy: Ich finde es bei Reaktor großartig, dass es jeden Tag 20 neue Ensembles gibt, die User erstellt haben und die man kostenlos herunterladen kann. Die Reaktor User-Library ist ein perfektes Beispiel für Gemeinschaftssinn im Netz.

Andy: Wie benutzen meistens existierende Reaktor- Ensembles und modifizieren diese dann nach unseren Vorstellungen. Es gibt einfach so viele fantastische aus denen man auswählen kann. Einige können aber einfach zu viel für uns. Sie enthalten vielleicht einen Granulator, ein Resonanz-Filter, Delay, Reverb und einen 5-Band EQ, und das alles in einem Ensemble. Vielleicht ist dann der Granulator das wirklich einzigartige Element und die anderen Bestandteile sind eigentlich nicht außergewöhnlich. Dann reduzieren wir das Ensemble auf den Granulator und haben somit ein neues Ensemble mit mit diesem einzigartigen Element. Es ist relativ einfach zu lernen, wie man an Ensembles „herumlötet“. Das ist wesentlich unkomplizierter, als an Hardware herumzubasteln, wo man einen heißen Lötkolben und Schutzkleidung braucht!

Guy: Ich komme bei der elektronischen Musik eher vom Sampler als vom Synthesizer. Ich arbeite lieber mit Sounds, die schon in einer bestimmten Art und Weise in der Welt realisiert wurden und schon eine ganz bestimmte Atmosphäre mitbringen. Ich liebe Kraftwerk, aber ich könnte nie rein elektronische Musik machen, wie sie es tun. Vielleicht liegt es daran, dass ich zuerst einen Sampler und dann erst einen Synth hatte. Das Modifizieren und Morphen akustischer oder semi-akustischer Quellen finde ich einfach spannender. Deswegen ist Reaktor genial für mich, weil ich damit akustische Quellen sehr gut bearbeiten kann.

 

Andy: Ich habe mich 2001 in Reaktor verliebt. Was mich am meisten ansprach, war, dass man nicht zum Gebrauch der immer gleichen alten Synthesearten gezwungen wurde, was ja dann meistens auf substraktive Synthese rauslief. Reaktor finde ich am spannendsten, wenn akustische Klänge auf digitale Manipulationen treffen, wenn man "normale" Soundquellen wie Pianos und Gitarren nimmt und daraus etwas völlig anderes macht.

Guy: Wenn man allerdings mit einem Sänger arbeitet, dessen Texte verständlich rüberkommen sollen, dann muss man sehr subtil damit umgehen. Deshalb gibt jemand wie Alanis die Richtung eines Songs vor. Auf ihr liegt der Fokus. Wir setzen immer noch ungewöhnliche Delays, Reverbs und andere Dinge ein, aber es ist wirklich wichtig, dass man immer versteht, was sie sagt.

Andy: Trotzdem gibt es auch Möglichkeiten, mit dem Einsatz ihrer Stimme zu experimentieren. Spektral Delay kommt bei uns oft zum Einsatz, da wir immer versuchen, einzelne Teilen eines Mixes mit ganz besonderen Stimmungen zu belegen. Wir benutzen es für Gitarren, Synths, Drums, Vocals etc.

 
 

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A propos Gitarren: Wie seid Ihr mit Guitar Rig in Berührung gekommen?

Guy: Bei der Arbeit an diesem Album. Als ich es hörte, habe ich sofort ein gewisses Konkurrenz-Produkt verkauft! Guitar Rig klingt einfach soooo gut! Die Modelle sind sehr „großzügig“, was die Reaktionsfähigkeit auf verschiedene Signale an ihrem Eingang angeht.

Andy: Als wir die Gitarren aufnahmen, war es zunächst unser Plan, mit einem sehr bekannten Hardware-Gitarrenverstärker aufzunehmen und dabei auch ein DI-Signal aufzunehmen, um das dann später für Re-Amping benutzen zu können.

Guy: Aber seitdem wir Guitar Rig gehört haben...

Andy: ... haben wir nicht mehr zurückgeblickt! So ziemlich alle Gitarren auf dem Album wurden mit Guitar Rig aufgenommen.

 

 
 

Welche Amp-Modelle habt Ihr am meisten benutzt?

Andy: Die Vox Box, den Twin und den Gratifier. Mein neuer Favorit ist aber das Hi-Watt-Modell in Version 3! Es klingt hervorragend – besonders in den nicht ganz sauberen Parts eines Songs, die etwas Schmutz im Sound gut vertragen können.

Guy: Wir arbeiten recht speziell mit Gitarren-Layern. Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Holger Czukay – besonders gut finde ich die Platten, auf denen er die Gitarre in halber Geschwindigkeit spielt. Ich liebe diesen „frisierten“ Sound. Andy hat das mit elektrischen und akustischen Parts gemacht.

Andy: Um das zu erreichen, haben wir wirklich sehr viel mit der Automatisierung von Protools gearbeitet. Guitar Rig passt perfekt zu dieser Arbeitsweise – die Tatsache, dass beliebig viele Parameter automatisiert werden können, finden wir einfach grandios.

Guy: Live bräuchte man dazu sechs Leute, die jeden Drehknopf des Amps bedienen!

Andy: In einem der Tracks hört man ausklingende Akkorde, die immer einmal pro Takt vorkommen. Dazu haben wir das Gain des Hi-Watt-Modells automatisiert. Wenn man das anfängliche Attack jedes Akkords hört, dann ist der Gain-Pegel ziemlich niedrig. Wenn der Akkord dann anhält, wird das Gain sehr stark verstärkt – so wird die Verzerrung größer und man schafft ein richtig schönes Anschwellen in jedem Akkord. So etwas zu machen, wäre vor 10 Jahren unmöglich gewesen.

Guy: Für dieses Album haben wir uns auch sehr stark mit Dynamik beschäftigt. Mit Protools haben wir eine schon fast absurde Dynamik-Kontrolle und können die Signale auf sehr unkonventionelle Art formen – das ist dann viel mehr als nur Kompression. Wir lassen in einer Sechzehntel-Note Sounds um 96dB anschwellen!

Andy: Wir benutzen Kompression nicht, um die Lautstärke zu kontrollieren – wir benutzen sie zur Klangformung.

 
 

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Es geht also um sehr genaues Editieren?

Guy: Editieren ist alles!

Andy: Ja, bis zum subatomaren Sound-Level!

Guy: Alanis muss immer fantastisch klingen. Wenn wir sie nicht mit all unserem Wissen und unserer Erfahrung optimal in Szene setzen, dann machen wir unsere Arbeit nicht richtig.

 

Wie habt Ihr mit Alanis über Eure Bearbeitungs-Prozesse und das Sound-Design kommuniziert? War sie dort überhaupt involviert?

Guy: Sie hat uns das tun lassen, was wir eben tun und nur sehr selten mit uns geschimpft. Wir sind halt gute Jungs...

Andy: Sie hat uns wirklich unterstützt. Ich glaube, sie wollte mit diesem Album eine neue klangliche Richtung einschlagen.

Guy: Sie hat ein sehr gutes Gespür für das emotionale Feeling eines Songs. Wenn wir das nicht verfälschen, dann macht es ihr nichts aus, wenn wir abgedrehte Sounds benutzen, um die Geschichte zu erzählen.

 
 

Wie funktionierte das Songwriting? Ich kann mir vorstellen, dass Eure Arbeit einen großen Einfluss auf die Songs hatte, richtig?

Guy: Alanis mag viel DRAMA in ihren Songs. Ich habe alle Lieder mit ihr zusammen geschrieben, eins pro Tag bis wir 23 hatten. Wir waren uns einig, dass die Songs den Zuhörer auf eine Reise mitnehmen sollten. Manche freakige Musik kann nach vier Takten mit keinen Überraschungen mehr aufwarten. Wir konnten uns aber sehr gut vorstellen, dass sich die Instrumentierung oder die Dynamik oder die Harmonik in einem Song ganz plötzlich ändert. Und mit ihrer Stimme ist sie natürlich prädestiniert für Drama! Sie kann mit Flüstern anfangen und schreiend enden.

Andy: Alanis ist eine äußerst dynamische Sängerin und Songschreiberin – ihr Dynamikumfang ist riesig! Das hat uns natürlich herausgefordert und wir wollten die Produktion dann auch so aufregend und dynamisch wie möglich machen.

Guy: Sie ist auch eine "Take One"-Sängerin. Schon am Anfang kriegt sie das Feeling richtig hin, also darf man die ersten "Demo"-Aufnahmen nicht verpfuschen!

 
 

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Welche Gitarren habt Ihr für die Aufnahmen verwendet?

Andy: Die zwei elektrischen Gitarren, die hauptsächlich zum Einsatz kamen, waren meine in tasmanische Rizzolo Gitarre und eine Fender Jazzmaster, dazu noch ein paar Rickenbackers, Strats und Les Pauls. An akustischen Gitarren waren eine Taylor "Big Baby", eine K. Yaira "Parlour"-Gitarre und eine Guild Dreadnought dabei. Sogar ein alter Höfner-Bass klang mit Guitar Rig richtig gut. Ich muss sagen, für Bass-Sounds sind die Amp-Modelle wirklich genauso gut zu gebrauchen! Wir haben Guitar Rig aber auch mit vielen anderen Instrumenten, wie Drums und Synths, benutzt.

 
 
 

Habt Ihr überhaupt Hardware-Effekte und -Gitarren-Amps benutzt?

Andy: Kaum, seit wir Guitar Rig haben.

Guy: Wir benutzen Guitar Rig auch wirklich nicht als Billig-Lösung. Wir wollen damit machen, was „echte“ Amps nicht hinkriegen. Ich hoffe, dass durch Guitar Rig neue Herangehensweisen an die Gitarre erfunden werden.

 

Das ist sehr interessant. Ihr nehmt also klassische Verstärker-Sounds und macht daraus dann etwas, was mit dem Original-Verstärker unmöglich wäre.

Andy: Genau. Mit nur ein bißchen Automatisierung kann man einen Mix mit Guitar Rig erheblich spannender und dynamischer machen. Und es klingt einfach richtig gut! Für mich als Programmierer, Sound-Designer und Gitarrist bieten sich sehr viele aufregende Möglichkeiten.

 
 

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Wie habt Ihr den spezifischen Klang dieses Albums kreiert?

Guy: Der Song "Limbo No More" hat meiner Meinung nach einen besonders schönen Sound. Dafür haben wir verschieden Gitarren übereinander geschichtet und das Ergebnis klingt wie eine Mischung aus einer Mandoline, einer appalachischen Zither und sogar indischen Instrumenten. Aber es sind nur Gitarren! Es gibt auch ein wunderschönes Riff, das auf einer Rickenbacker mit Fingern gespielt wurde. Ich habe die Sounds auf dem Griffbrett direkt abgenommen, um so ein "Ethno"- Feeling zu schaffen. Ich war schon immer von der Idee imaginärer "Ethno"-Instrumente inspiriert: Instrumente, die nicht wirklich existieren, aber man kann sie sich vorstellen.

Andy: Manchmal haben wir auch den alten "Varispeed"-Effekt benutzt – allerdings in digitaler Form. Dafür haben wir einen Teil des Songs gebounced, ihn hoch oder runter gepitcht und dann den Part in einer anderen Tonart gespielt. Danach haben wir das Ergebnis wieder in die Tonart des Originals transponiert, aber die Formanten verändern sich dennoch.

Guy: Ja, das hilft, wenn man das Feeling ändern möchte.

Andy: Eine ganz gewöhnliche Gitarre kann auf diesem Weg wie eine Mandoline klingen!

Guy: Eine Idee, die ich für dieses Album hatte, war die Dinge immer hybrid anzulegen. Wenn also alles voller Gitarren ist, dann legen wir einen Jungle-Reese-Bass darunter, oder richtig elektronische Drums. Ich wollte für die Sounds immer Gegenparts kreieren.

 



Andy: Ein anderes Konzept mit dem wir gearbeitet haben, war die "gewöhnlich aber neu"-Herangehensweise. Für einige Drum-Programmierungen haben wir manchmal klassische alte Sounds benutzt, wie den Oberheim DMX, diese aber komplett neuartig bearbeitet und den Klängen so einen anderen Dreh gegeben – oft mit ungewöhnlichen Stimmungen aus Spektral Delay, Laserbrew oder Springtank.

Guy: Ich glaube, wir sind wirklich gut darin, unsere seltsamen Geräusche Geschichten erzählen zu lassen. Es ist sehr einfach, skurrile Sounds zu machen. Wir wollen diese aber in den Erzählstrang eines Songs einbauen. Manchmal hört man zuerst einen Instrumentenklang, das man eindeutig zuordnen kann. Diesen manipulieren wir dann, aber die Veränderung beinhaltet immer noch genug vom Original, dass es immer offensichtlich ist. Es ist möglich, Sounds so stark zu verändern, dass es schon fast nicht mehr relevant ist, was der Ursprungs-Sound ist. Das muss dann aber nicht unbedingt eine Geschichte erzählen.

Andy: Der Trick ist es, die Sounds im Kontext des Songs einzubetten.

Guy: Das ist eine echte Herausforderung und das lieben wir!

Klingt gut! Guy und Andy, vielen Dank für dieses Interview!

 

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