DER PLACEBO EFFEKT

Tech Talk mit Bill Lloyd
 


 

Brian Molko - Exzentriker und Frontmann von Placebo, © Ingo Kniest


 

Placebo gelten als glamoröse Stars der Alternative-Szene, deren langanhaltender Erfolg auf einem unverwechselbaren, charismatischen Sound beruht. Eine einzigartige Mischung aus elektronischen Elementen und kompromissloser Rock- Attitüde, die stets von der außergewöhnlichen Stimme Brian Molkos gekrönt wird - egal ob es die druckvollen Power-Songs oder die epischen, melancholischen Stücke sind. Nahezu durchgehend befinden sich Placebo auf Tour, Pausen gibt es lediglich um neues Material zu produzieren. Die Band arbeitet viel mit KONTAKT 2 und GUITAR RIG 2 - beim Songwriting, im Studio und im Live-Betrieb.


Bill Lloyd, Sound-Designer und Live-Mitglied der Band, nahm sich Zeit und gewährte Einblicke in sein kreatives Schaffen. Der analytisch denkende Musiker hat maßgeb- lichen Anteil am Erfolg Placebos in der zurückliegenden Dekade.

Analog-Synthesizer brachten ihn einst zum Keyboard spielen. Wenig später prägten seine Sounds und seine markanten Lines die Atmosphäre der Alben "Without You I'm nothing", "Black Market Music", "Sleeping With Ghosts" und der 2006er Veröffentlichung "Meds". Während der ausgedehnten Welttourneen der vergangenen Jahre rückte Bill auch auf der Bühne mehr und mehr ins Rampenlicht, indem er live sowohl Bass, Gitarre als auch Keyboards spielte.

 

DAS INTERVIEW

Text: Florian Grote, Bilder: Ingo Kniest



 
 

Bill, Du gehörst schon seit einer ganzen Weile zur Live-Besetzung von Placebo. Und auch bei der Arbeit im Studio spielst du mittlerweile eine gewichtige Rolle. Kannst du deine Funktion innerhalb der Band näher erläutern?

 

Ich bin seit nunmehr zehn Jahren mit Placebo unterwegs. Kennengelernt habe ich Brian, Steve und Stefan in einem Pub. Zu der Zeit arbeitete ich gerade für eine Plattenfirma und von daher konnte ich ganz gut ihre Demos streuen. Über diesen Weg gelangten sie an ihr Management. Außerdem besaß ich damals einen Van und fuhr die Jungs viel durch die Gegend. Als die Shows dann langsam größer wurden, wollten sie, dass ich mich um den Sound kümmere. Also habe ich mich um den Sound und die Backline gekümmert.

    Bill Lloyd

 
 

Das Ganze wuchs weiter und so fragten sie mich, ob ich nicht spielen wolle. Das ist jetzt ungefair sechs Jahre her. Genau wie der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal mit ihnen im Studio war - gegen Anfang und zum Ende der Arbeiten am zweiten Album. Auf der anschließenden Tour spielte ich also Bass und einen alten Analog-Synthie.

Bei den Aufnahmen zum darauf folgenden Album war ich dann von Beginn an dabei. Eigentlich ging es sogar schon mit den Writing-Sessions los. Wir bezogen ein altes Kellerstudio namens Matrix, das mittlerweile gar nicht mehr existiert. Das verwendete Set-Up war äußerst spartanisch. Vorwiegend wurde "live" auf DAT eingespielt, lediglich ein paar Sachen landeten zusätzlich auf einer betagten Achtspur-Maschine. Ich habe unter diesen Bedingungen gemischt und ihnen geholfen, die passenden Sounds zu finden. Und ich habe einige Bass-Parts gespielt, Sounds gesampled, Loops geschnitten, ein bisschen gefiltert. Man könnte also sagen, ich war schon immer der bandeigene Sound-Designer.

 


Und du hast zu dieser Zeit hauptsächlich analoge Geräte benutzt?

In der Regel, ja. Dazu kamen ein paar Hardware-Sampler. Wir hatten zudem eine Menge alter Synthesizer wie den Korg Poly 800 und den Mini 700 im Einsatz. Und dann war da noch ein Sampling-Keyboard, dessen Sound wir bis auf Anschlag verzerrten - nur um es irgendwie cool klingen zu lassen. Dazu kam dann immer noch eine gehörige Portion Delay.

 
 

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Bleibt momentan Zeit für andere Projekte oder sind Placebo ein Fulltime-Job?

Es ist ein Fulltime-Job. Ich bin permanent mit der Band unterwegs. Deswegen habe ich nicht so viel Zeit für andere Dinge. Wenn ich mal nicht auf Tour bin, unterstütze ich die Anderen bei ihren Home-Recordings oder ich bastle im Studio herum.

Welche Aufgaben übernimmst du während der Live-Shows?

Eigentlich spiele ich Gitarre. Doch wir haben jetzt einen zweiten Gitarristen dabei, also kümmert der sich darum. Ich spiele jetzt wieder Keyboards und Bass.

 

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Wie hat sich der Placebo-Sound aus deiner Sicht, als langjähriger Klangtüftler der Band, mit der Zeit verändert?

Es kam natürlich mehr Elektronik ins Spiel. Und zwar stetig, ab dem zweiten Album "Without You I'm Nothing". Darauf gab es ja bereits ein paar Keyboard-Lines. Auf dem Nachfolger "Black Market Music" wurde es dann mehr und auf dem vierten Longplayer "Sleeping With Ghosts" nochmals mehr - es wurde immer elektronischer. Das letzte Album "Meds" ist recht simpel gehalten, obwohl auch darauf einige Loops, Synthie-Lines und Vintage-Keyboards verwendet wurden. Ich denke, dieses Album ist schon wieder etwas erdiger, aber das davor hatte definitiv eine Menge Elektronik an Bord. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendwer behaupten würde, Placebo seien eine Synthie-Band. Sie sind eine Rockband, die halt nicht vor dem Einsatz von Keyboards und Elektronik zurückschreckt.

 
 

Nichtsdestotrotz hatte ich immer das Gefühl, euer Sound ist eher von elektronischer Musik beeinflusst als beispielsweise von Bands mit einer strikten Punk-Attitüde. Selbst mit einem eher rauen Album wie "Meds" bleibt Placebo meiner Meinung nach eine elektronisch klingende Band.

Interessante Sichtweise...

Nun, ich finde man hört sehr gut, dass die letzten Placebo-Produktionen unter profundem Wissen um elektronische Musik entstanden sind.

Das ist absolut korrekt. Und trotzdem sind die elektronischen Anteile nicht allzu vorherrschend. Sie sind eher Texturen und nützliche Ergänzungen.

 
 

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Wie bist du eigentlich an Software von Native Instruments geraten?

Ein paar Sachen wie den PRO-53 habe ich von Anfang an benutzt. Gerade die Emulationen mochte ich sehr.

Nach der Fertigstellung von "Meds", auf der eine Menge Streicher verwendet wurden, suchten wir nach einer Lösung für die Live-Umsetz- ung. Die Hardware-Sampler-Technologie war bereits etwas in die Jahre gekommen, obwohl sie sehr gut und absolut roadtauglich war. Aber der Speicherplatz reichte für unsere Zwecke einfach nicht mehr aus. Zudem waren die Ladezeiten ziemlich lang, selbst bei den neueren Modellen. Und wenn dann etwas abstürzt, wäre das der Alptraum schlechthin. Zudem wollte ich über die Vielseitigkeit von Computern verfügen, vor allem wegen der Möglichkeit, viele Sachen gleichzeitg laufen lassen zu können.

Also habe ich mich eine Weile nach der besten Lösung umgeschaut. Ich wollte einfach einen Sampler haben, ohne deshalb gleich in einem Sequenzer arbeiten zu müssen. Flood und Dimitri, die Produzenten des Albums, empfahlen mir KONTAKT weil sie es beide benutzen. Sie meinten, dass man Samples im Multimodus laden könne und das klang schon mal gut. Außerdem fand ich die Bedienbarkeit sehr einfach. Ich habe ihn also gekauft und angefangen, mich damit zu beschäftigen. Es machte Spaß, ich mochte das Interface und so blieb ich regelrecht daran kleben. Ich lernte quasi beiläufig - Schritt für Schritt.

 

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Nutzt du KONTAKT hauptsächlich zur Reproduktion der Streicher-Sounds des Albums?

Nein, ich benutze es auch für die Synthese. In Wahrheit habe ich nichts anderes als KONTAKT bei mir und ich spiele darüber bei etlichen Songs die Synthie-Lines. Dafür verwende ich ein kleines MIDI-Keyboard mit 49 Tasten, über das ich per Schieberegler Synthie-Paramenter wie Delay, Cutoff, Resonance, Distortion usw. zuweisen kann. Damit funktioniert das Teil für mich wie ein Synthesizer.

 

Wie organisierst du deine Sounds während der Live-Shows?

Jeder Song hat seine eigenen Sounds innerhalb eines Multis. Ich weise die einzelnen Samples einer jeweiligen Taste zu und muss mir dann lediglich merken, auf welcher der Tasten welches Sample für diesen Song liegt. Bei einigen Stücken, die eher elektronisch sind, schieße ich eine Menge Samples in Echtzeit ab. Zudem verwendende ich Pedale, um Samples und Klicks für den Drummer zu starten. Dabei kann ich die Loops per On/Off-Information mit dem Pedal umschalten. Zusätzlich habe ich ein Volumenpedal, mit dem ich die Loops im Bedarfsfall ein- und ausblenden kann.

 
 
 

Hast du dich in KONTAKT auch mit den komplexeren Modulationszuweisungen wie Filter und Hüllkurven beschäftigt?

Unbedingt. Ich verwende Hüllkurven auf fast allen Samples um z. B. Timbre und Release-Zeit zu kontrollieren. Es funktioniert einfach fantastisch. Selbst unser Drummer triggert Sounds in meinem Programm an. Über nur einen KONTAKT laufen alle Loops, die Synthese, die Drums. Zusätzlich spiele ich darüber auch noch ein Piano.

 
 

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Und GUITAR RIG nutzt ihr auch?

Genau, Brian und ich haben es während der Writing-Sessions für "Meds" verwendet. Wir hatten ein kleines Set-Up auf einem Hausboot in Frankreich eingerichtet. Es bestand aus ein paar Gitarren, einem Controller-Keyboard und einem Laptop. Wir nutzten KONTAKT für Samples und GUITAR RIG für die ganzen Gitarren. Es war fantastisch. Besonders mag ich den Plexi und den Tweed, sie sind hervorragend. Gleiches gilt auch für den Bass Pro.

Machst du dich eigentlich sofort an die Erstellung eigener Presets?

Ja, ich liebe es an Sounds zu schrauben. Ausgehend von grundlegenden Sachen wie etwa "clean", "distorsion" oder "spacy" marschiere ich einfach los. Es macht Spaß und es ist so einfach, einzelne Module hinzuzufügen oder wieder zu entfernen.

Alex, unser zweiter Gitarrist auf Tour, benutzt GUITAR RIG auch live. Es ist tatsächlich sein komplettes System und es funktioniert einwandfrei! Es ist auch schön zu wissen, dass dadurch eine weitere Klangfarbe Einzug hält, denn Brian und Stefan bevorzugen beide einen sehr harten und punkigen Sound. Ich glaube, dieser vom Computer generierte Klang bildet einen wunderbaren Kontrast. Es ist schon ein ziemlich eigener, vielleicht kontrollierterer Sound.

 

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Welche Auswirkungen hat deiner Meinung nach der Einsatz des Computers auf der Bühne oder im Songwriting-Prozess?

Es ist alles wesentlich einfacher. Du kannst über eine Applikation mehrere Synthies und Sampler laufen lassen. Und die Laptops sind mittlerweile wirklich schnell. Das wäre vor zwei Jahren noch nicht denkbar gewesen, jetzt aber schon.


Was benutzt du außerdem von Native Instruments?

Ich benutze für fast alle Demoaufnahmen BATTERY. Ich liebe es, es ist großartig! Die beste Drum-Maschine, die mir bisher untergekommen ist.


Nach all dem intensiven Touren: Wirst du dir in diesem Jahr noch eine Auszeit gönnen? Für Songwriting, für Sound-Design?

Ja, wir beenden die Tour im September. Und dann werden wir hoffentlich eine größere Pause machen. Brian will zum Jahresende hin schreiben und im Studio arbeiten, also werde ich ein paar Monate frei haben. Außerdem werde ich Steves Haus "elektronisch" auf Vordermann bringen. Um Stefan brauche ich mich nicht zu kümmern, der ist ziemlich gut in solchen Sachen. Aber ich habe ihm ein GUITAR RIG von euch mitgegeben und ich schätze mal, er wird zu Hause viel Freude damit haben.

 
 

Das klingt doch prima! An dieser Stelle besten Dank für das Interview, alles Gute für den Rest der Tour und danach eine erholsame Pause.

Danke, und kein Problem.

 
 

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