NI INCH NAILS

Tech Talk mit Trent Reznor

 


 

 


Sechs Jahre nach den epischen Klangcollagen von "The Fragile" kehrt Trent Reznor mit einer minimalistischen, Song-orientierten Neujustierung seiner Band Nine Inch Nails zurück. Das aktuelle Album "With Teeth" kommt so gradlinig daher wie zuletzt "Pretty Hate Machine". Auch politisch wird Gradlinigkeit gepflegt - vor kurzem sagte er kurzerhand einen Auftritt bei den MTV Video Movie Awards ab, nachdem es mit den Organisatoren Meinungsverschiedenheiten über die Verwendung eines Bildes von George W. Bush gab, das die Band als Bühnenhintergrund für den Auftritt verwenden wollte. Im Gespräch mit NI erklärt Trent, wie sein neues Album entstand, welche wichtige Rolle Reaktor in seinem Setup spielt, und was in Zukunft von ihm zu erwarten ist.

 

Das Interview

by Bela Canhoto



 

Das neue "Nine Inch Nails"-Album enthält im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen eingängige Popsongs. Was unterscheidet die neue Platte "With Teeth" Deiner Meinung nach von deiner bisherigen Arbeit?

Ich wollte das Gegenteil von „Fragile“ machen. Während es bei "Fragile" kaum Regeln gab außer dem, was sich gut anfühlte, wollte ich dieses Mal disziplinierter und Song-orientierter arbeiten. Mit "Song-orientiert" meine ich nicht unbedingt Popsongs. Ich meine, dass sich die Songs strukturell in einer Songwelt abspielen, mit Melodien, Hooks und einem strengeren Rahmen. Der Sound sollte so minimal wie möglich werden, ohne alles in Sounds zu baden, zu viele Layer zu erzeugen und es zu schwülstig zu machen. Ich wollte sehen, was passiert, wenn alles, was in einem solchen Song-Format enthalten sein muss, in sich ein Experiment ist.



Hat die Umorientierung zum Song-Format auch den Aufnahmeprozess verändert?

Für diese Platte bin ich zurückgekehrt zur Erstellung von Demo-Aufnahmen, ähnlich wie bei meiner ersten Platte, wo jeder am Ende veröffentlichte Song so ungefähr die dreißigste Version war. Als ich dann mit meinem ersten Geld ein Studio zusammengebaut hatte, löste sich die Idee der Demo-Aufnahmen auf, weil das Schreiben, Produzieren, Sound-Design und Arrangement alle Teil des gleichen Prozesses wurden.

 

Diesmal wollte ich gezielt anders vorgehen, um mich daran zu hindern, auf Sounddesign oder so etwas abzugehen, was ich immer gern tue, obwohl ich mich eigentlich eher um Songtexte und Songwriting kümmern sollte. Deshalb legte ich einen Stichtag alle zehn Tage fest, an dem ein Song fertig sein musste. Ich machte mich also an die Arbeit, meistens mur mit Battery, manchmal auch mit Elektrik Piano, und nahm Gesang auf. Ich beschränkte mich weitgehend auf Schlagzeug, Klavier und Vocals. Nach vier bis fünf Monaten hatte ich etwa 25 Songs, die ich gut fand, die aber trotzdem noch unarrangierte Demos waren.

Dann gingen wir die Demos durch und suchten die besten raus, die als Album funktionierten. Die endgültigen Aufnahmen habe ich dann im Studio in New Orleans gemacht. Die Platte sollte live-orientiert klingen. Wir benutzten ein akustisches Schlagzeug bei den meisten Stücken. Viele Sounds wurden extra mikrofoniert. Selbst wenn es eine Synthesizer-Spur war, ging sie durch einen Lautsprecher, so dass es wie live gespielt klingt. Wir benutzten Gitarre und Bass, die direkt über DI-Box in Reaktor gingen, wo wir eine Reihe von Patches erstellt hatten, die ein elaboriertes Gitarren-Schaltpult aus Filtern und etlichen Verzerrungsarten ergaben. Nur wenige Teile der Aufnahmen wurden im Nachhinein noch in Pro Tools geschnitten. Vieles waren vollständige Strophen und Phrasen.

 

 
 

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NI-Software scheinen für Deine Produktionen ziemlich wichtig zu sein. Wie bist du darauf aufmerksam geworden?

Als wir an der "Fragile"-Platte arbeiteten, haben wir extra einen PC an den Start gebracht, um Generator laufen lassen zu können. Es war damals ein ziemlicher Kampf, das richtige Audio-Interface zu finden und alles zum Laufen zu bringen, daher nutzte ich die Software nur hin und wieder zum Sounddesign, aber Generator schien mir eines der erstaunlichsten Software-Tools zu sein, das ich jemals gesehen hatte. Man konnte in Tiefen vordringen, von denen ich mir niemals vorgestellt hatte, dass es sie überhaupt gibt. Es kam mir so vor, als würden viele der Dinge, an denen wir gerade arbeiteten, unnötig werden.

Für die letzten beiden Platten haben wir Battery als ausschließlichen Drum-Sampler benutzt, weil ich die Art mag wie er funktioniert. Er ist intuitiv, ein einfach zu benutzendes Drag&Drop-Tool. Als Kontakt herauskam, benutzte ich ihn primär zum Sounddesign, weniger fürs Samplen selbst, weil wir bereits angefangen hatten, mit einem anderen Format zu arbeiten. Kontakt verwandelt so gut wie jeden Sound in ein interessantes Sample in nur wenigen Minuten. Audio-Software ist heute weit mehr als bloße Emulation von Hardware, sondern selbst ein musikalisches Instrument mit eigenen Eigenschaften.

 

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Gitarren und verzerrte Klänge waren schon immer ein wichtiger Aspekt des "Nine Inch Nails"-Sounds. Wie sind solche Sounds bei der aktuellen Platte entstanden?

Für einen großen Teil des Albums verwendeten wir den Reaktor wie ein Gitarrenpedal, als die ultimative Verzerrerbox. Statt einer Ansammlung von Pedalen am Boden hatten wir virtuelle Pedale im Reaktor, der seinerseits durch einen Amp gejagt und mit Mikros abgenommen wurde, so dass es weniger nach Science Fiction und mehr nach „echtem“ Sound klang. Manche der Sounds waren einfach umwerfend neuartig – es gab eine große Flexibilität im Sound.

Du hast für Gitarrenaufnahmen hauptsächlich Reaktor und nicht Guitar Rig verwendet?

Am Ende wurde auch Guitar Rig ein Teil des Aufnahmeprozesses. Manchmal schleusten wir Signale durch ein Patch, das mit den Verstärker- und Lautsprecher-Simulationen von Guitar Rig arbeitete. Im Studio hatten wir zwei Apple G5-Rechner, einen mit Pro Tools und Guitar Rig und einer mit Logic und Reaktor, so dass wir so viel Rechnerpower hatten, wie wir brauchten, um das Ergebnis dann digital auf den Pro Tools-Rechner zu überspielen. Guitar Rig und Reaktor waren beide sehr häufig in Verwendung, sogar die meisten Synthesizer auf der Platte wurden damit bearbeitet. Insgesamt haben wir auf einen Lowtech-Sound abgezielt, also ein ziemliches Gegenteil zu "Fragile".

 

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Mit welcher anderen NI-Software hast Du gearbeitet?


Ich habe viel mit Spektral Delay viel gemacht, und ich spiele gern mit dem Vokator rum. Aber im Gegensatz zu meinem ersten Album, als ich nur einen Emax-Sampler hatte und jeden Trick kannte, kann ich heute unmöglich auf einem Level mit all den Möglichkeiten bleiben.

 

 
 

Benutzt du generell eher selbst programmmierte Sound oder eher Presets?

Das ist unterschiedlich. Früher habe ich es geliebt, neue Keyboards auszuprobieren, was heute so viel heißt, wie eine neue Software zu kaufen. Es gibt eigentlich immer inspirierende Preset-Sounds, aus denen mindestens ein oder zwei Songs entstehen könnten. Immer wenn ich mir so etwas anhöre, bin ich gespannt herauszufinden, was ein Instrument macht, wie man es manipuliert und spielt, wie musikalisch oder unmusikalisch es ist.

Früher habe ich mir erstmal einige Minuten die Presets angehört, habe sie dann gelöscht, und dann einfach Zufallsounds erstellt um zu sehen, wie man die weiter editieren kann. Auf diese Weise habe ich herausgefunden, wie das Instrument funktioniert. Aber heute gibt es so viele, so komplexe Tools und Instrumente, dass ich einfach nicht die Zeit habe auf diesem Level zu bleiben, auf dem ich damals war.

 
 

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Du wirst jetzt für ein Jahr auf Tour sein und bist ausserdem schon halb fertig mit deinem nächsten Album. Heißt das, dass das nächste Album einen ähnlichen Vibe haben wird wie das aktuelle, weil es teilweise zur gleichen Zeit entstand?

Einige Songs sind tatsächlich übrig geblieben, weil ich der aktuellen Platte eine verdaubare Länge geben wollte. Ausserdem habe ich festgestellt, dass mein Schreibprozess noch gar nicht abgeschlossen ist, weil die ganze Zeit immer mehr Ideen entstehen. Ich denke, dass etwa ein Drittel dieser Sachen Teil der nächsten Platte werden könnten, je nachdem, was sich inspirierend anfühlt, wenn es an der Zeit ist, die Platte fertig zu stellen.

 


"Bite the Hand that Feeds" ist im iTunes Music Store auch im Garage Band-Format erhältlich, das es jedem erlaubt, eigene Remixe zu erstellen. Warum hast du das gemacht und wie funktioniert es genau?

Als "Fragile" erschien, waren einige Leute daran interessiert, mit den Tracks herumzuspielen, Mixe zu machen, zu experimentieren, das, was da ist, zu verschönern oder zu zerstören. Daher haben wir ein Tool auf Shockwave-Basis gebastelt, aber es war Schrott, man konnte nicht mehr als fünf Tracks auf einmal damit mischen.

Dann wurde mir klar, dass ich noch nie Garage Band von Apple ausprobiert hatte. Ich wusste nicht genau, was das ist, aber mir wurde klar, dass es sowas wie ein kleines digitales Multitrack-Studio ist, das jeder Mac-User kostenlos erhält. Also fragte ich mich, wie es wohl klingen würde, wenn ich "Hand that Feeds" in einen Garage Band-Song umwandeln würde, so dass jeder die einzelnen Tracks manipulieren und mixen kann. Also konvertierte ich den Mix in Loops, um ihn etwas kleiner zu machen. Zu meiner Überraschung kam ein perfekter Mix des Songs dabei raus, mit fünfzehn bis zwanzig Stereo-Spuren.

 
 

Was an dieser Software Spaß macht, ist, dass praktisch jeder damit mit Loops herumspielen kann, während die komplizierte Technik hinter den Kulissen verborgen bleibt. Ich habe selber fünf Stunden lang meinen eigenen Track geremixt. Ich fand es cool, das ganze dann über das Internet weiter zu geben. Ich erklärte meinem Label, was ich machen wollte, und sie fanden die Idee gut. Erst letztens habe ich eine Webseite gefunden mit mehreren hundert Remixen meines Tracks, die erstaunlich gut waren.

 
 


Wirst du so etwas in Zukunft häufiger machen? Sollen die Fans interaktiv an deiner Musik beteiligt werden?

Es macht die Entstehung von Musik transparenter, und ich verliere nichts, wenn ich es mache. Es macht Spaß, und die Technik ist kostenlos verfügbar, zumindest für Mac-User. Ich meine: Selbst wenn ich irgendeine Band nicht mag, sie aber ihre Single zum Remixen anbietet, würde ich es ausprobieren, nur aus Spaß. Hinter unserem Remix-Angebot kein Masterplan, wir wollen damit nicht die Welt erobern oder damit reich werden wollen.

 
 

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Gibt es irgendetwas, das du von NI in Zukunft gerne sehen würdest?

Was mich immer beeindruckt hat - und ich sage das nicht deswegen, weil ich hier gerade mit euch spreche - ist, dass die Tools von NI wirklich den höchsten Ansprüchen genügen, und dabei eine Tiefe bieten, die ich sehr schätze. Deshalb würde ich auch nie raubkopierte NI-Software verwenden, denn die Produkte sind ihr Geld wert, und das Geld das man für die Software bezahlt, hält sie letzten Endes am Leben.

Als Synthesizer sich von mehreren Tausend Dollar teuren Instrumenten in preiswerte Software-Plugins verwandelten, war der Sound erstmal weniger wichtig als die Tatsache, dass es überhaupt irgendeinen Sound gab, der vielleicht gut klang, wenn er mit etlichen Effekten bearbeitet wurde, damit man nicht mehr bemerkte, wie schlecht das Ausgangsmaterial war. Bei NI dagegen wurde von Anfang an auf solche Details geachtet. Nicht nur im Sinne von Sound - man merkte immer, wie viel Überlegung in die Software gesteckt wurden. NI hört den Musikern zu, das merkt man an der Software. Ich gebe selten Interviews für Firmen, aber ich denke, dass NI ein großartiges Unternehmen mit großartigen Musik-Tools ist, und ich möchte, dass die Leute das wissen.

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