Factor Eight baut alles auf seiner Stimme auf.
Drums, Pads, Basslines und Atmosphären entstehen aus Vocal-Aufnahmen, die digital zu fertigen Songs verarbeitet werden. Seine neue Single „Waiting for the End“ entstand in den letzten Zügen einer langjährigen Beziehung und fängt diesen Moment in sorgfältig geschichteten Texturen ein, die sich entlang des emotionalen Bogens des Tracks entwickeln.
Diese Methode prägt seine Arbeitsweise sowohl bei eigenen Projekten als auch bei seiner Arbeit für visuelle Medien. Er übernimmt die gesamte Kette selbst: Vocal-Tracking, Editing, Mixing und teilweise auch das Mastering.
Direkt zu den Abschnitten:
- Das richtige Maß an Bearbeitung in einer rein stimmbasierten Produktion
- Klare Vocals ohne Verlust emotionaler Nuancen
- Den eigenen Ohren vertrauen: Durch Prozesse und bewusste Beschränkung
- Wie sich die volle kreative Kontrolle auf emotionale Offenheit auswirkt
- Professionelle Master-Lieferungen mit Ozone optimieren
- Praxistipps für Künstler*innen, die ihre Mixe selbst fertigstellen
In diesem Interview erklärt Factor Eight seinen Gain-Staging-Workflow, zeigt, wie emotionale Klarheit seine Entscheidungen leitet, und gibt Künstler*innen, die selbst produzieren, Tipps, wie sie Tracks nach ihren eigenen Vorstellungen abschließen.
Hier kannst du die maßgeschneiderte Mastering-Chain von Factor Eight kostenlos herunterladen:
Kannst du uns erklären, wie du Musik machst, die ausschließlich auf deiner Stimme basiert?
Meine Arbeit teilt sich in zwei Bereiche – die Musik, die ich selbst veröffentliche, und die Musik, die ich für visuelle Medien produziere. Bei meinen eigenen Releases habe ich bei jedem einzelnen Schritt der Kette die volle Kontrolle, abgesehen vom Mastering. In diesem Bereich bin ich sehr dankbar für die großartige Zusammenarbeit mit Matt Colton, die 2020 mit dem Release meines Albums A DØ begann.
Bei visuellen Medien bleibt schlicht keine Zeit, Musik zum Mastern wegzuschicken. In diesem Bereich habe ich gelernt, jede Phase von der ersten Idee bis zum Mastering selbst in die Hand zu nehmen. Ich kenne die Vor- und Nachteile beider Workflows sehr gut.

Aktuell entsteht jede Musik, die ich veröffentliche, ausschließlich mit meiner Stimme. Ich nehme meine Stimme auf und verforme sie digital in jeden denkbaren Baustein eines Songs. Was nach Drums, Bläsern, Synths und Streichern klingt, stammt in Wirklichkeit komplett aus Vocal-Aufnahmen.

Aufgrund der Natur meiner stimmbasierten Musik greifen Recording, Producing und Mixing bei mir nahtlos ineinander. Jeder dieser Schritte beeinflusst den nächsten. Bei den meisten meiner Stücke beginne ich mit einer einzigen Aufnahme über mein Röhrenkondensatormikrofon. Ich nehme verschiedene Gesangslaute wie „Oohs“ und „Ahhs“ in hohen und tiefen Lagen auf – manchmal auch etwas Beatboxing als Fundament für die Drums.
Von da an verforme ich diese Sounds digital mit verschiedenen Plug-ins, bis das gewünschte Ergebnis steht. In diesem Transformationsprozess produziere ich, indem ich mit Plug-ins und Effekten experimentiere. Gleichzeitig komponiere ich, indem ich Sounds zerschneide, schichte oder wiederhole, um Akkorde oder Melodien zu bauen. Und obendrein mische ich, indem ich Resonanzen und Dynamik moduliere und kontrolliere. Das passiert alles zur selben Zeit.

Aus diesem Grund ist Gain-Staging bei mir nicht unbedingt ein eigener, separater Arbeitsschritt, sondern etwas, das ganz natürlich im kreativen Prozess passiert. Trotzdem achte ich bei jeder Stufe penibel auf ausreichend Headroom – angefangen beim Aufnahmepegel über das Clip-Gain bis hin zur gesamten Effektkette.
Sobald ein Track fast fertig ist, experimentiere ich manchmal noch mit verschiedenen Mixing-Tools, um die Dynamik zu bändigen oder bestimmte Elemente besser zur Geltung zu bringen. Oft kehre ich am Ende aber doch zum ursprünglichen Mix zurück, der ganz organisch während der Entstehung des Tracks gewachsen ist.
Bei Trailermusik sieht der Prozess etwas anders aus, da ich dort auch andere Instrumente und Samples einsetze. Meine Herangehensweise bleibt jedoch ähnlich: Komposition, Audio-Manipulation und Mixing greifen direkt ineinander.
Profi-Tipp von Factor Eight: Hab keine Angst vor Equalizern. Subtile EQ-Eingriffe können beim Feinschliff eines Mixes einen riesigen Unterschied machen – der EQ ist in jeder Phase eines der mächtigsten Werkzeuge überhaupt. Wenn ich mich für ein einziges Plug-in entscheiden müsste, wäre es definitiv ein Equalizer.
Welche Rolle spielen Reverb und Effekte für die Gesamtatmosphäre deiner Tracks?
Da meine Stimme das gesamte Gerüst meiner Musik bildet, gibt es eine enorme klangliche Bandbreite in den Texturen und der Beschaffenheit der Vocals. Bei Lead-Vocals liebe ich einen sehr trockenen, fokussierten Klang, greife aber genauso gern zu breiten, üppigen und halligen Vocals mit Dopplungen und Background-Layern, um einen epischen, mitreißenden Effekt zu erzielen. Es kommt immer darauf an, was der Track verlangt – und bei dieser Entscheidung vertraue ich voll und ganz auf mein Bauchgefühl.

Ich lasse mich sehr von Leuten wie Trent Reznor inspirieren. Seine Filmmusiken und seine Arbeit mit Nine Inch Nails sind bekannt für charakteristisch trockene Vocals. Ich liebe es, mit scharfen Kontrasten zwischen trockenen und effektreichen Spuren im selben Track zu experimentieren – zum Beispiel sehr trockene Lead-Vocals kombiniert mit vollständig im Hall versinkenden Harmonien, oder umgekehrt. Dieses Zusammenspiel nutze ich beim Mischen auch gezielt, um Spannung aufzubauen und wieder aufzulösen.

In dem bisher einzigen Track mit echtem Text, den ich veröffentlicht habe, „Before the Fall“, setzt die Stimme zunächst sehr trocken ein – extrem clean und brillant bearbeitet und nur von einem einzigen weiteren Element begleitet. Das erzeugt ein sehr intimes Gefühl, wenn nach der Hälfte des Tracks die Lyrics beginnen. Später, im fulminanten Finale, baue ich dann mit anderen Elementen maximale Spannung auf, diesmal aber in einem opulenten, extrem dichten Effektraum. Hier nutze ich zahlreiche Dopplungen und Effekte wie den Haas-Effekt, Phasing, Echos und mehr, um einen möglichst wirkungsvollen finalen Refrain zu kreieren.
Profi-Tipp von Factor Eight: Qualität vor Quantität. Weniger, dafür aber wirklich hochwertige Elemente führen meiner Meinung nach zu besseren Ergebnissen. Wenn du das Gefühl hast, dass in einem Part etwas fehlt, versuche einen bereits vorhandenen Sound umzufunktionieren, anstatt ständig neue Sounds hinzuzufügen. Das schärft nicht nur deine Fähigkeiten als Produzent*in, sondern verleiht dem Track auch einen organischen Zusammenhalt: Es entsteht eine in sich stimmige Klangwelt, anstelle einer beliebigen Collage aus Sounds verschiedenster Herkunft, die am Ende nicht zusammenpassen.
Gab es einen Wendepunkt, an dem dir klar wurde, dass du deinen eigenen Ohren genauso vertrauen kannst wie einem externen Studio?
Früher habe ich mich stark an feste Regeln geklammert und hatte Angst davor, sie zu brechen. Ich habe mehr darauf geachtet, was meine Plug-ins machen, als darauf, wie die Musik eigentlich klingt. Während einer Künstlerresidenz im Banff Centre habe ich mich unabsichtlich von diesen Fesseln befreit, als meine gewohnten Tools nicht richtig funktionierten. Ich war gezwungen, mit stark limitiertem Audiomaterial auszukommen, und habe dadurch eine völlig neue Art des Produzierens gelernt. Meine Tools wurden so zu einer Erweiterung meiner Kreativität und meiner künstlerischen Stimme, statt mich einzuschränken oder im Weg zu stehen.

Den eigenen Ohren zu vertrauen, ist für mich wahrscheinlich einer der wichtigsten Aspekte beim Musikmachen. Es ist nicht nur beim Mischen unverzichtbar, sondern ein zentraler Bestandteil des künstlerischen Schaffens überhaupt. Herauszufinden, wer man ist, was sich authentisch anfühlt und wie man das ausdrückt – genau darum geht es meiner Meinung nach in der Kunst.
Ganz praktisch gesehen: Zu wissen, dass etwas gut klingt, zählt mehr als jede Zahl oder Skala auf einem Display. Zu lernen, diesem Instinkt zu vertrauen, ist wie ein Muskel – man muss ihn trainieren.
Profi-Tipp von Factor Eight: Fixiere dich nicht zu sehr auf starre Regeln oder bestimmtes Equipment. Es ist spannend, die Geschichten hinter deinen Lieblingstracks zu kennen und zu erfahren, wie bestimmte Sounds entstanden sind. Doch entscheidend ist nicht der einzelne Mixing-Schachzug, den jemand gemacht hat, sondern dass die Person wusste, was zu tun war. Finde einen Workflow, der sich für dich richtig anfühlt. Wenn es funktioniert, funktioniert es.
Ist emotionale Offenheit schwieriger oder leichter zu erreichen, wenn man die gesamte Produktionskette selbst kontrolliert?
Beide Seiten haben ihre Berechtigung. Wenn man im Produzieren und Mischen sehr erfahren und geschult ist, wird beides zu einer natürlichen Erweiterung des kreativen Prozesses – und damit auch zu einer Erweiterung des eigenen Selbstausdrucks.

Auf der anderen Seite: Wenn man noch nicht so viel Erfahrung hat und diese Zusammenhänge nicht genau versteht, kann der Versuch, alles selbst zu kontrollieren, schnell zur Bremse werden und die eigene authentische Stimme überdecken. In diesem Fall ist es oft besser, mit Toningenieur*innen zusammenzuarbeiten oder sich Unterstützung zu holen, um die eigene Vision umzusetzen.
Ich glaube auch fest an die Kraft von Kollaborationen. Bei meinen eigenen Releases genieße ich es sehr, die gesamte Kette bis zum Mastering selbst zu steuern – und den Track dann in Matts Hände zu geben. Nachdem er meinen Mix und mein Referenz-Master gehört hat, versteht er meine Vision und verleiht dem Ganzen den letzten Schliff. Es kann auch unglaublich entlastend sein, die allerletzten Handgriffe abzugeben und jemanden ans Werk zu lassen, der seine gesamte Laufbahn dieser einen Stufe gewidmet hat.
So oder so ist es wichtig, den Unterschied zu kennen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Im einen Fall gelingt es dir, einen sehr direkten und authentischen Teil deiner selbst in die Kunst einfließen zu lassen. Im anderen Fall trübst du vielleicht etwas, das sonst ein ganz besonderes, berührendes Musikstück hätte werden können.

Emotionale Offenheit steht für mich an oberster Stelle, da meine gesamte Arbeit dem Bewusstsein für mentale Gesundheit gewidmet ist. Dass ich anfing, Musik nur mit meiner Stimme zu machen, war für mich die klangliche Parallele dazu, offener über meine eigenen Erfahrungen mit psychischer Gesundheit zu sprechen.
2018 beschloss ich, offen über meine bipolare Störung zu sprechen – in der Hoffnung, dass meine Musik und meine Geschichte anderen Menschen in schwierigen Situationen Halt und Verbundenheit geben können. Und vielleicht auch Verständnis bei denjenigen wecken, die diese Erfahrung nicht teilen. Heute sind meine Vocal-Production-Technik und der damit verbundene Prozess zu meinem klanglichen Markenzeichen und einem festen Teil meiner Identität als Künstler geworden. Dasselbe gilt für mein Engagement für mentale Gesundheit.
Musikmachen war für mich schon immer ein Weg, Emotionen zu verarbeiten und zu kanalisieren – vor allem die schweren. Musik rein mit meiner Stimme zu erschaffen, verstärkt die emotionale Offenheit meiner Arbeit und macht den Prozess für mich noch persönlicher. Ich hoffe, dass das auch bei den Hörer*innen ankommt.
Pro-Tipp von Factor Eight: In einer Welt, in der KI Musik machen kann, ist es meiner Meinung nach umso wichtiger, dass wir unsere eigene künstlerische Stimme finden und zum Ausdruck bringen. In der Kunst geht es um die Verbindung von Mensch zu Mensch – darum, einander zu inspirieren und zu verstehen. Nimm dir die Zeit, eine Klangpalette zu entdecken und zu kreieren, die sich für dich vollkommen authentisch und einzigartig anfühlt. Finde deine Stimme, vertraue ihr und lerne, sie mit der Welt zu teilen. Denn genau das sorgt letztlich dafür, dass dir die Menschen zuhören.
Wie hat dir der Einsatz von Tools wie Ozone dabei geholfen, kosteneffizient zu arbeiten und gleichzeitig professionelle Ergebnisse zu liefern?
Bei meiner Arbeit im Bereich der Komposition für visuelle Medien stelle ich oft mehrere Stücke pro Woche fertig. Manchmal sind es sogar mehrere an einem einzigen Tag. Wenn ich das alles an externe Mastering-Engineers auslagern würde, wäre das für mich schlicht nicht machbar.

Dazu kommt: Bei einigen Projekten ist der finanzielle Ertrag nicht immer garantiert. Deshalb ist es für mich überlebenswichtig, alle Schritte – vom Songwriting bis zum Mastering – selbst im eigenen Studio zu erledigen, damit sich diese Karriere überhaupt tragen kann.
Welchen Rat würdest du selbstproduzierenden Künstler*innen geben, die ihre Mixe ohne externe Engineers fertigstellen wollen?
Lerne zuerst die Grundlagen. Es ist entscheidend, die Grundlagen des Mixings zu verstehen, bevor du dich auf die Tools stürzt. Denn egal, wie sich deine Werkzeuge verändern: Dein Verständnis bleibt – und so kannst du dich immer an neue Bedienoberflächen, andere Plug-ins oder sogar andere Studios anpassen. Die richtigen Tools machen einen riesigen Unterschied, aber in dich selbst zu investieren – in die Person, die diese Tools bedient –, zahlt sich für deine Karriere langfristig am meisten aus.
Lerne vor allem, deinen Ohren zu vertrauen. Es gibt zwar bestimmte Mixing-„Regeln“, die ihren Sinn haben, aber lerne, auf dein Bauchgefühl und deine Intuition zu hören. Das ist wie ein Muskel, den man trainieren kann. Wenn etwas für dich gut klingt, ist es letztlich genau das, worauf es ankommt. Bei deiner Musik geht es um deinen Selbstausdruck – und du bist die Person, die am Ende des Tages damit glücklich sein muss. Alles andere ist zweitrangig.
Pro-Tipp von Factor Eight: Manchmal geht es darum, genau das zu vertiefen, worin du am besten bist und was du gewohnt bist. Aber manchmal musst du einfach alles über den Haufen werfen und etwas völlig Neues ausprobieren. Daraus kann etwas unerwartet Schönes entstehen. Lass dem Zufall einfach seinen Zauber.
Fazit
Ein großes Dankeschön an Factor Eight, der sich die Zeit genommen hat, seinen Workflow so anschaulich zu erklären. Sein reiner Vocal-Ansatz ist mehr als nur eine technische Entscheidung. Es ist eine sehr persönliche Methode, die auf Vertrauen in die eigene Intuition, viel Liebe zum Detail und einer langfristigen Vision basiert, die seine Musik und Botschaft miteinander verbindet.

„Waiting For The End“ ist ab sofort auf allen Plattformen verfügbar.
Das Video verleiht dem Release eine weitere Ebene: Es verbindet Bewegung, Atmosphäre und Zurückhaltung auf eine Weise, die die klanglichen Entscheidungen des Tracks perfekt widerspiegelt. Eine eindrucksvolle Ergänzung zu einem wachsenden Gesamtwerk, zu dem man immer wieder gerne zurückkehrt.
Vergiss nicht, dir Factor Eights individuelle Master-Chain hier kostenlos herunterzuladen: