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Richie Hawtin über die Evolution des DJing und seine Suche nach dem perfekten Setup

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Auf dem ADE 2025 traf sich Electronic-Pionier Richie Hawtin mit Michael Koczynski (Lead Product Manager für Traktor) und Sylwia Kopys (Senior Marketing Manager für Traktor und Hardware) von Native Instruments. Im Gespräch blicken sie auf eine langjährige Zusammenarbeit zurück, sprechen über die Entwicklung seines Live-Setups und seine Vision für die Zukunft der Performance-Technologie.

Schau dir das komplette Gespräch unten im Video an oder lies dir hier im Blog die wichtigsten Highlights durch.

Wie alles begann 

Das Gespräch begann mit den Anfängen des digitalen DJing – einer Geschichte, die bis in die späten 90er-Jahre zurückreicht. Hawtin erinnerte sich daran, wie er damals zufällig auf Final Scratch stieß, eines der allerersten Digital-Vinyl-Systeme (DVS), das von niederländischen Programmierern entwickelt worden war.

„Es hat uns völlig umgehauen, als wir sahen, wie man eine MP3-Datei mit einer echten Vinyl-Platte steuern konnte. Wir wollten es erst gar nicht glauben, bis wir es mit eigenen Augen sahen … und in genau diesem Moment sahen wir gewissermaßen die Zukunft.“

Hawtin und sein Partner John Acquaviva erkannten so viel Potenzial in der Technologie, dass sie bekanntermaßen in die Software investierten – und damit praktisch ihr eigenes Plattenpresswerk aufgaben, um voll ins digitale Zeitalter einzusteigen. Aus dieser gemeinsamen Vision erwuchs die enge Zusammenarbeit mit Native Instruments: Digitales DJing ist die Zukunft – selbst zu einer Zeit, als CDJs von der Szene noch belächelt wurden.

Der Traktor X1-Prototyp und der Drang, Grenzen zu sprengen

Ein entscheidender Meilenstein dieser Partnerschaft war die Entwicklung des Traktor Kontrol X1. Michael, der am Design des ersten X1 beteiligt war, erinnerte sich an seinen ziemlich aufgeregten Besuch in Hawtins Berliner Wohnung, um ihm den ersten Prototyp zu präsentieren. Hawtin gab sich jedoch keineswegs mit dem Entwurf zufrieden, sondern sah sofort Möglichkeiten jenseits des werksseitigen Mappings.

„Ich liebe Beschriftungsgeräte“, scherzte Hawtin und beschrieb, wie er sofort sein Label-Gerät zückte und sämtliche Tasten des Prototyps neu beschriftete.

Obwohl der frühe Prototyp noch extrem instabil war und regelmäßig abstürzte, ging Hawtin das Risiko ein und setzte ihn direkt in seinen Live-Sets ein – Monate vor dem offiziellen Release. Für Hawtin ist das Testen von neuem Gear wie das Testen einer neuen Platte: Man hat das Gefühl, dass es großartig ist, aber Gewissheit bekommt man erst, wenn man es vor einer echten Crowd ausprobiert.

Was treibt ihn an? Seine ungebrochene Faszination für das Interface. „Mir gefielen damals an der 909 nicht nur die Sounds. Es war vor allem das Interface, mit dem man Sound extrem schnell und intuitiv bearbeiten konnte“, erklärte er. Genau dieselbe Philosophie prägt auch seine Suche nach DJ-Technologie – ein Interface muss die Idee im Kopf so schnell wie möglich in Sound übersetzen können.

Hawtins hybrides DJ-Setup

Hawtins aktuelles Studio-Setup ist eine Meisterklasse in Sachen hybrider Performance und vereint das Beste aus analoger und digitaler Welt.

Richie Setup
  • Traktor läuft mit vier Decks und einfachen Effekten und ersetzt im Wesentlichen die 100 Kilo Vinyl, die er früher mit sich herumschleppte.
  • Bitwig läuft im Hintergrund und liefert eine zusätzliche Ebene aus Drums und Effekten – ganz ähnlich wie die 909s und Effektgeräte, mit denen er früher tourte.
  • Ein Launchpad steuert über ein benutzerdefiniertes Skript Drums und weitere Elemente in Bitwig.
  • Allen & Heath K2s steuern Parameter in Traktor und Bitwig.
  • Im Zentrum steht der analoge Model 1-Mixer: Das Audiosignal gelangt von Traktor in das analoge Pult, und die Effect-Sends des Mixers laufen zurück in den Rechner, was für einen unverwechselbaren Sound und Feedback-Loops sorgt.
  • Ein Fußpedal zur Steuerung von Delay und Effekten fungiert als seine „dritte Hand“.

Trotz dieser Komplexität hält Hawtin Einschränkungen für wichtig, weil sie für eine notwendige Balance sorgen. Seine aktuelle Herausforderung besteht darin, neuere Features wie Stem-Separation noch flüssiger ins Spiel zu bringen. Zwar nutzt er dafür momentan eine zweite Ebene auf den K2s, doch wünscht er sich Controller mit noch direkterem Zugriff. So könnte er Stem-Separation nahtlos im Zusammenspiel mit dem EQ nutzen – und in Zukunft vielleicht sogar noch wichtiger werden lassen als den EQ selbst.

Gleichzeitig kämpft er ständig gegen Bildschirme an. Hawtin nutzt einen zweiten, tiefer platzierten Monitor, um die visuelle Barriere zwischen sich und dem Publikum so gering wie möglich zu halten – eine Verbindung, die ihm enorm wichtig ist. Er betonte, dass das haptische Feedback eines echten Drehreglers einem rutschigen Touchscreen nach wie vor weit überlegen ist. Mit einem Augenzwinkern meinte er sogar, Kontaktlinsen könnten in Zukunft das Display ersetzen.

Hinter den Kulissen: Deck FX und die Zukunft

Hawtin sprach mit Leidenschaft über die unsichtbaren Facetten seiner Arbeit, zu denen bei ihm erstaunlich wenig Vorbereitung gehört. Für ihn stehen Spontanität und das Ausprobieren im Moment an erster Stelle: Aus oft 20.000 Promos wählt er rund 60 absolute Highlights aus, die er dann zum ersten Mal direkt vor Publikum spielt.

Noch wichtiger als seine eigene Vorbereitung ist ihm jedoch die Unterstützung der Musik und der Produzent*innen. Er setzt sich seit Langem lautstark für Initiativen wie Aslice ein und entwickelte das renommierte Programm RADR (früher Twitter DJ). Diese Software postet automatisch Track- und Artist-Namen der Musik, die er gerade spielt, in den sozialen Netzwerken.

„Gäbe es eine DJ-Gewerkschaft und du würdest das nicht machen, müsste man dich sofort rauswerfen … Du solltest nicht als DJ auflegen dürfen, wenn du die Leute nicht unterstützt, die die Musik machen, die du spielst. Und dabei geht es mir noch nicht einmal in erster Linie ums Geld. Gibt den Leuten einfach die Credits, die ihnen zustehen.“

Dieser Gedanke steht auch im Mittelpunkt seiner aufwendigen Visual-Show Deck FX: Hier werden die Namen der Produzent*innen parallel zu Hawtin auf die Leinwand projiziert – und machen sie so zu echten Co-Stars der Performance.

Richie Hawtin

Richies Rat für aufstrebende DJs

Allen, die als DJ durchstarten möchten, rät Hawtin vor allem zu Geduld und Authentizität. In einer schnelllebigen, optisch getriebenen Welt kommt es auf den langen Atem an.

„Finde heraus, was dich glücklich macht, was dich begeistert und worauf du Lust hast – und zieh genau das durch. Das bedeutet vielleicht nicht, dass der Erfolg von heute auf morgen kommt, aber auf lange Sicht wirst du erfolgreicher oder zumindest deutlich glücklicher sein.“

Wie sich das DJing in den nächsten 10 Jahren verändert

Mit Blick nach vorn zeigt sich Hawtin begeistert vom Potenzial von KI als Unterstützung bei Live-Performances. Nicht, um die Regie zu übernehmen, sondern um Analysen und Vorschläge in Echtzeit zu liefern – etwa indem ein frisch produzierter Track vorgeschlagen wird, weil er in derselben Tonart liegt. Er stellt sich eine gemeinschaftliche Evolution vor:

„Ich glaube, dass wir auf all diese Dinge in Echtzeit zugreifen können und werden … Warum sollte nicht plötzlich ein Hinweis aufpoppen: ‚Hey, das hier wurde gerade fertiggestellt oder wird im Moment aufgenommen‘, und man hört kurz rein, bindet es ein und startet direkt eine Live-Jam?“

Fazit

Richie Hawtins Werdegang – von der Aufgabe eines Plattenpresswerks bis hin zu komplexen hybriden Performance-Setups – beweist eindrucksvoll seine Vision: Technologie soll neue Formen des DJing ermöglichen und Artists dabei helfen, sich vor ihrem Publikum fallen zu lassen und gemeinsam auf eine musikalische Reise zu gehen.

Er verschiebt immer wieder Grenzen – nicht um der Technologie willen, sondern auf der Suche nach dem intuitivsten Interface, um kreative Visionen in Klang zu verwandeln. Und verliert dabei nie diejenigen aus den Augen, die das Fundament der Szene bilden: die Musiker*innen und Produzent*innen.

Wir hoffen, dass dich unser Gespräch mit Richie inspiriert hat. Lass deiner Kreativität freien Lauf und starte deine nächsten DJ-Sets mit Traktor.

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