Der in London lebende Producer und Fabric-Resident Hardt Antoine hat seine neue Single „Let Me Go“ rund um Bewegung und Kontrolle aufgebaut. Erschienen auf Kompakt, trägt der Track einen fokussierten rhythmischen Kern in sich, der gleichermaßen präzise wie spontan wirkt.
Für Antoine liegt das Geheimnis darin, wie schnell er von der Idee zur Umsetzung kommt. Maschine spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie erlaubt ihm, Samples zu formen, Grooves zu testen und Emotionen über den Rhythmus statt durch endloses Polieren aufzubauen.
Sein Produktionsansatz setzt auf Limitierung und Instinkt.
Je weniger Schritte zwischen einer Idee und ihrem Ausdruck liegen, desto besser fließt der Track meist. Maschine liefert ihm genau dieses Tempo – als direkte Verbindung zwischen Gedanke und Sound. Sie hält den Workflow haptisch, lädt zum Experimentieren ein und hilft dabei, Momente einzufangen, die ungeplant wirken, aber musikalisch genau ins Schwarze treffen.
Zu diesen Abschnitten springen:
- Wie Ideen im Studio entstehen
- Mit Maschine zu Groove und Textur
- Die Energie in „Let Me Go“ einfangen
- Zufälle im Sampler zulassen
- Fokus behalten mit Hardware
- Auf Instinkt und Unperfektion vertrauen
In diesem Interview erklärt Antoine, wie Hardware seine Kreativität prägt, wie er Hüllkurven einsetzt, um Grooves zu definieren, und warum frühes Festlegen unverzichtbar geworden ist, um seine besten Tracks fertigzustellen.
Wenn du dich ins Studio setzt: Was zündet bei dir meist die erste Idee? Fängst du mit dem Rhythmus an oder verfolgst du eine melodische Idee?
Es gibt eigentlich keine festen Regeln oder Abläufe. Am Anfang bewege ich mich einfach gerne schnell, um Ideen durchzugehen und den kreativen Fluss in Gang zu bringen.
Wenn ich eher in melodischer Stimmung bin, lade ich mir vielleicht einen Sinus-Synth oder ein schlichtes Klavier und fange an, auf dem MIDI-Keyboard zu spielen, Noten in der Piano-Roll einzuzeichnen oder meistens eine Mischung aus beidem. Mir fällt es in der Regel leichter, einfache Sounds zu nutzen, um Melodieideen auszuarbeiten, damit ich mich danach aufs Sound-Design konzentrieren kann.

Ein weiterer klassischer Ausgangspunkt ist, ein Sample in Maschine zu laden. Ich habe einen Workflow entwickelt, bei dem ich mit dem Sampler durch das Sample scrolle, passende Cuts suche und die Teile, die mich ansprechen, per Copy/Paste auf eigene Pads lege. Ehe ich mich versehe, habe ich ein ganzes Maschine-Kit voller Chops. Das funktioniert für Vocals, Drums, Melodien, Texturen – eigentlich für alles, und es geht extrem schnell.

Profi-Tipp von Hardt Antoine: Nutze ADSR- und AHR-Hüllkurven in Maschine, um Sounds auf die richtige Länge zu bringen. So beginnen die einzelnen Elemente viel schneller miteinander zu interagieren.
Wie zentral ist Maschine in dieser frühen Phase, wenn du nach einem Groove oder einer Textur suchst?
Ich greife meist zu Maschine, wenn ich meinen Grooves einen menschlichen, authentischen Charakter verleihen möchte. Ich bringe damit sehr schnell Percussion-Elemente ins Spiel, die miteinander kommunizieren. Maschine eignet sich perfekt, wenn ich etwas einspielen will – meist simplere, musikalische Percussion-Grooves, die gelayert werden und sich gegenseitig ergänzen.

Außerdem ist es für mich das schnellste Werkzeug, um Samples zu choppen, wie vorhin erwähnt – besonders bei langen Vocal-Phrasen.

Profi-Tipp von Hardt Antoine: Kopiere das vollständige Sample auf ein eigenes Drum-Pad, bevor du es zerschneidest. So kannst du es bearbeiten, beschneiden und normalisieren, damit es handlicher wird – und ganz einfach zurückspringen, falls du zu viel weggeschnitten hast.

Wie hat dir Maschine bei „Let Me Go“ geholfen, die rohe Energie einzufangen, ohne sie glattzubügeln?
Ich habe damit das Fundament des Grooves gebaut – Kick, Tom und Hi-Hat. Schlichte, aber musikalische Rhythmen, die den Track erden.

Was ich an Maschine besonders liebe, ist die ADSR-Hüllkurve, die direkt in jedem Sample integriert ist. Dadurch lässt sich der Sound blitzschnell formen, sodass er in der Produktion sofort die passende Kontur bekommt. Später ist dann kaum noch Mixing nötig. Ehrlich gesagt bin ich von diesem Workflow mittlerweile so abhängig, dass es mir schwerfällt, mit Samples ohne direkt verfügbare Hüllkurven zu arbeiten.

Es gibt auch eine AHR-Hüllkurve (Attack, Hold, Release), die für Drums extrem intuitiv ist. Ich wünschte, mehr Plug-ins und Geräte hätten diese Option.
Gab es bei „Let Me Go“ Sounds oder Elemente, die durch glückliche Zufälle oder spontane Sessions mit Maschine entstanden sind?
Ich gehe sehr schnell vor, wenn ich Vocals oder irgendetwas anderes in Maschine zerlege.

Die zerlegten Silben am Ende des Vocal-Patterns machen für mich einen großen Teil der Hookline aus. Das hatte ich am Anfang beim Hören der ersten Vocal-Spur keineswegs erwartet – es ergab sich einfach beim schnellen Zerhacken im Sampler, als ich diese prägnanten, konsonantischen Momente entdeckte, auf die ich sonst nie gekommen wäre.
Ist das ein glücklicher Zufall? Ich glaube, ich halte mittlerweile ganz bewusst nach solchen Momenten Ausschau, spiele mit dem Zufall und bleibe offen für Unerwartetes.
Profi-Tipp von Hardt Antoine: Ich nutze für jedes Sample, das ich zerlege, eine eigene Gruppe. Dieses Aufteilen sorgt dafür, dass das Projekt viel übersichtlicher bleibt.
Hilft dir Hardware dabei, dich kreativ auf eine Weise zu fokussieren, wie es reine Software nicht kann?
Ja. Ich mag es generell nicht, auf dem Bildschirm Presets und Samples zu durchforsten. Das Durchsteppen von Drum-Sounds auf Maschine hat einfach etwas extrem Befriedigendes – vielleicht, weil es nach dem Importieren keinerlei Verzögerung gibt.

Ich nutze Hardware vor allem, um Tracks anzufangen: spiele Synths, benutze Sampler oder steuere Plug-ins über MIDI-Controller an. Es fühlt sich einfach musikalischer an. Um die Details kümmere ich mich später „in the box“.
Ich besitze ein paar Hardware-Geräte, die ich in- und auswendig kenne – deshalb bin ich damit extrem schnell. So kann ich in meinem zwar nicht winzigen, aber dennoch limitierten Setup zügig arbeiten. „In the box“ gibt es unendliche Möglichkeiten, wodurch alles viel länger dauern kann und der kreative Funke leicht verfliegt. Ich glaube, das ist auch ein Grund dafür, warum ich musikalische Ideen superschnell skizziere, aber oft lange brauche, bis ich mit dem fertigen Track vollkommen zufrieden bin.
Rückblickend: Was hat dir „Let Me Go“ darüber beigebracht, dem eigenen Instinkt zu vertrauen und sich im Schaffensprozess von Hardware leiten zu lassen?
Mit Hardware ist die Versuchung viel geringer, endlos herumzuschrauben. Man legt sich einfach fest, sobald etwas exportiert ist. Es wird nie perfekt sein – und soll es auch gar nicht. Genau diese Unvollkommenheit macht den Sound einer Produktion erst musikalisch.
Profi-Tipp von Hardt Antoine: Importiere deine Standard- und Lieblingssounds direkt in Maschine – so lädst du sie im Handumdrehen.

Fazit
Hardt Antoines Arbeitsweise dreht sich um Effizienz, Fokus und Instinkt. Maschine steht im Mittelpunkt dieses Denkansatzes, weil sie den kreativen Fluss fördert, statt zu zögern. So bleibt das Erstellen von Rhythmen greifbar und spontan – bei voller Kontrolle, um jeden Sound direkt an Ort und Stelle zu formen.
„Let Me Go“ zeigt, wie kleine Feinheiten im Workflow eine enorme kreative Wirkung entfalten können. Antoines Fähigkeit, Emotionen in Rhythmus zu übersetzen, basiert darauf, ganz nah an den Werkzeugen zu bleiben, die er am besten kennt. Jede Entscheidung wird von Haptik, Timing und Vertrauen in den Prozess getragen.
In einer Szene, die oft von endlosen digitalen Optionen geprägt ist, beweist sein Setup, dass Klarheit durch Limitierung entsteht. Je stärker Hardware den Rahmen vorgibt, desto schneller nehmen Ideen Gestalt an.