In einer der dynamischsten Musikmetropolen der Welt laden uns drei Produzentinnen und Künstlerinnen – Saszy Afroshii, TinyBraz (aka Purple Halo) und Gbots – in ihre kreativen Welten ein. Fragt man sie nach einer Beschreibung von Lagos, fällt jedes Mal dasselbe Wort: „chaotisch“. Doch genau in diesem Chaos liegt die Magie – dort, wo Sound und Großstadt aufeinandertreffen und etwas elektrisierendes Neues entsteht.
Gemeinsam sprechen sie darüber, was es bedeutet, als afrikanische Frauen in der Musikszene aktiv zu sein, und wie die Energie von Lagos sie immer wieder aufs Neue prägt. Ihre Geschichten sind eng mit der Mission der Leading Vibe Initiative verknüpft – gegründet von der GRAMMY-Preisträgerin und Native Instruments Artist Board-Mitglied Tems. Die Initiative fördert eine neue Generation von Frauen, die neu definieren, was Leadership in der Musik bedeutet.
Direkt zu den Abschnitten:
- Saszy Afroshii über Energie, Bewegung und Inspiration in Lagos
- Wie Saszy ihre Leidenschaft für Rhythmus zum Beruf machte
- Warum Produzentinnen in Nigeria mehr leisten und sich gegenseitig stärken
- Tems darüber, wie die Leading Vibe Initiative Frauen in allen Bereichen der Musik stärkt
- Warum Inklusion den Blick auf Frauen in der Musik verändert
- Purple Halo über Identität, Unabhängigkeit und den Mut, sich nicht in Schubladen stecken zu lassen
- Wie Kreativität TinyBraz geholfen hat, sich eine neue Zukunft aufzubauen
- Gbots über die Gründung von We Are ProducHERS und den Zusammenhalt von Kreativen in Lagos
Möchtest du mehr über unsere Partnerschaft mit Tems und der Leading Vibe Initiative erfahren?
Saszy, wie fühlt es sich an, in Lagos zu arbeiten und kreativ zu sein?
Es ist wirklich ein Erlebnis. Man kann Lagos eigentlich nicht beschreiben, man muss es erlebt haben. Dieser ständige Trubel, das Tempo – der Verkehr in Lagos bringt dich jeden Tag dazu, deine Pläne über den Haufen zu werfen. Aber mitten in all dem steckt unglaublich viel Energie.
Ich fahre mit dem Auto oder laufe einfach durch die Straßen, und plötzlich spüre ich diese Inspiration. Vielleicht ist es ein bestimmter Sound, der Rhythmus spielender Kinder oder ein Rufen von einer Straßenecke. Dieser Funke – dieser winzige Sound – bringt einen dazu, etwas Neues zu erschaffen.
Das ist das Besondere an Lagos: Es zwingt dich quasi dazu, inspiriert zu bleiben, weil du ununterbrochen von purem Leben umgeben bist. Alle sind in Bewegung. Alle wollen etwas erreichen – besser werden, ganz nach oben kommen. Die Stadt lässt dir keine Atempause, und ich glaube, genau das ist der Herzschlag der Musik aus Lagos.

Wie bist du eigentlich zum Produzieren gekommen?
2017 habe ich beschlossen, das Produzieren wirklich ernsthaft anzugehen. Davor habe ich einfach nur herumexperimentiert. Aber als ich einmal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören.
Es war ein Weg voller Höhen und Tiefen – an manchen Tagen machst du etwas, das du liebst, und an anderen fängst du wieder von vorne an. Aber das gehört zum Prozess einfach dazu.
Manchmal fange ich mit Percussion an – Congas, Cowbells –, wenn ich nach einem traditionelleren Ansatz suche. Ein andermal greife ich für die Drums direkt zu Plug-ins wie Kontakt oder Maschine. Das hängt von den Künstler*innen ab, von der Geschichte und der Stimmung im Raum. Am Ende geht es vor allem um Intuition: darauf zu vertrauen, was einem in den Kopf kommt und was der Augenblick verlangt.

Wie ist es, als Produzentin in einer von Männern dominierten Szene zu arbeiten?
Es ist enorm wichtig, dass Frauen sich gegenseitig den Rücken stärken. Diese Branche wird noch immer überwiegend von Männern beherrscht, und viele denken nach wie vor, Musikproduktion sei eine reine Männerdomäne.
Du kommst zu einer Session, und jemand fragt: „Und wo ist der Produzent?“ Und ich antworte: „Hi, die steht vor dir.“ Man sieht sofort diesen Blick, diesen kleinen Moment der Irritation. Es ist subtil, aber man spürt es ganz genau.
Am Ende muss man sich oft doppelt so viel beweisen – nicht etwa, weil man es nicht könnte, sondern weil die Leute es einem schlicht nicht zutrauen. Deshalb ist es so ein großartiges Gefühl, wenn eine andere Frau diese Grenzen durchbricht und abliefert. Es zeigt allen: Wir gehören genauso hierher.
Tems, erzähl uns von der Leading Vibe Initiative und was dich dazu inspiriert hat.
Lagos ist eine so lebendige Stadt, die in einem einen ganz besonderen Ehrgeiz weckt – eine Motivation, die unglaublich authentisch und einzigartig ist. Genau diese Energie hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Die Leading Vibe Initiative soll Frauen in der Musik Raum geben – in allen Bereichen, auf allen Ebenen – und sie so gut wie möglich unterstützen. Das Ziel ist, neu zu definieren, wie Frauen sich selbst wahrnehmen und wie sie von anderen in der Musikindustrie gesehen werden.
Zu lernen, wie man produziert, hat mir geholfen, meinen eigenen Sound zu festigen. Normalerweise bekommt man einen Beat von einem Produzenten und arbeitet darauf auf. Aber wenn du deine Musik selbst produzierst, wird sie viel echter – ehrlicher zu dir selbst und unverkennbarer.
Und ganz ehrlich: In Nigeria ist es ganz normal, viele verschiedene Rollen gleichzeitig einzunehmen. Wir sind von Natur aus vielseitig talentiert. Alle fragen sich ständig: „Was kommt als Nächstes? Was kann ich sonst noch machen?“ So sind wir einfach: neugierig, rastlos und voller Tatendrang.
Warum ist Repräsentation deiner Meinung nach so wichtig?
Weil sich der gesamte Dialog verändert, sobald Frauen an jedem Schritt beteiligt sind – bei der Produktion, beim Engineering, beim Songwriting. Man wird anders wahrgenommen. Man begegnet einem mit mehr Respekt.
Genau das braucht die Branche: Räume, in denen Frauen gesehen und gehört werden und dieselben Chancen bekommen. Mich inspiriert das ungemein, und ich bin unendlich dankbar, Teil davon zu sein.
Purple Halo, wie hast du deinen Sound und deinen Weg als Künstlerin und Produzentin gefunden?
Ich bin Sängerin, Songwriterin und Produzentin – und lege außerdem als DJ auf. Angefangen mit dem Produzieren habe ich tatsächlich auf dem Smartphone. Ich hatte mir BandLab heruntergeladen und einfach so einen Beat gebastelt. Mein damaliger Freund hörte ihn und meinte: „Warte mal, das klingt richtig gut. Du hast da echt ein Talent für.“ So ging das alles los.

Für mich ist die Kernbotschaft der Leading Vibe Initiative pure Authentizität – sich selbst und den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben. Das hat mich tief berührt, weil ich schon immer ein wenig androgyn war, irgendwo zwischen feminin und maskulin.
Das Label, bei dem ich damals unter Vertrag stand, wollte mich unbedingt in diese extrem feminine Schiene drängen, aber das war einfach nicht ich. Ich wollte wieder zu mir selbst finden. Sie haben versucht, mir ein Bild davon aufzuzwingen, wie eine Künstlerin angeblich zu sein hat.
Als ich Tems sagen hörte: „Du musst voll und ganz hinter dem stehen, woran du glaubst“, gab mir das den Mut, mich vom Label zu trennen und unabhängig zu werden. Ich wollte etwas Echtes aufbauen – meinen eigenen Sound, auf meine eigene Art.
Du hast einmal gesagt, dass Musik dein Leben verändert hat – inwiefern?
In Nigeria werden viele von uns mit sehr wenig geboren – manchmal mit gar nichts. Ich bin in der Mittelschicht aufgewachsen, aber nach dem Tod meiner Eltern änderte sich alles schlagartig. Ich rutschte in echte Armut ab. Zeitweise war ich sogar obdachlos.
Heute habe ich mein eigenes Zuhause und mein eigenes Setup. Mein Studio ist zwar improvisiert, aber Kunst kann man überall erschaffen. Das ist das Schöne daran.
Songwriting und Musikproduktion haben mich gerettet. Sie haben mir eine Stimme und eine Zukunft geschenkt.
Gbots, was treibt dich bei deiner Arbeit als Künstlerin und Community-Gründerin an?
Ich mache Musik, seit ich acht Jahre alt bin. Angefangen habe ich mit Klavier, mit zehn kam das Saxofon dazu. Während des Lockdowns haben eine Freundin und ich beschlossen, uns gemeinsam das Produzieren beizubringen – und ich habe mich sofort darin verliebt.
Als ich anfing, kannte ich kaum andere Produzentinnen. Ich dachte ehrlich, ich wäre die Einzige. Genau deshalb habe ich Ende 2022 We Are ProducHERS ins Leben gerufen – eine Community für Produzentinnen, Künstlerinnen und Songwriterinnen.

Es ist ein Raum für neue Möglichkeiten, zum Lernen und für echte Verbindungen – ein Ort, an dem man sich umschauen und denken kann: „Wenn sie das schafft, schaffe ich das auch.“ Es geht um Sichtbarkeit und ein echtes Gemeinschaftsgefühl.
Ich liebe es, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die unkonventionell denken und offen für Neues sind. Selbst diejenigen, die sagen: „Ich habe gerade erst angefangen“, bringen mir jedes Mal etwas Neues bei. Es geht darum, offen zu bleiben, gemeinsam Neues zu entdecken und miteinander zu wachsen.
Fazit
Vom zähen Verkehr bis zu nächtlichen Studio-Sessions: Lagos pulsiert in seinem ganz eigenen Rhythmus – und diese Frauen bewegen sich mitten darin.
Für Saszy Afroshii, TinyBraz und Gbots ist das Produzieren mehr als nur Musik. Es steht für Widerstandskraft, Identität und Community – ein kreativer Akt und ein klares Statement.
Während Tems’ Leading Vibe Initiative Frauen in allen Bereichen der Branche neue Türen öffnet, beweisen diese Künstlerinnen: Lagos bringt nicht nur großartige Musik hervor – es setzt eine Bewegung in Gang.
Wir bei Native Instruments sind überzeugt, dass jede*r am Musikschaffen teilhaben und gefördert werden sollte. Deshalb haben wir uns mit Tems zusammengetan, um Musikproduktion für alle zugänglich zu machen.