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Die Ethik hinter Boretas KI-Kollaboration mit Imogen Heap

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Boreta’s AI collab feature

In Boretas neuer Single „Back to Life“, die mit dem ethisch trainierten KI-Vocal-Modell Ai.mogen entstanden ist, wird absolut nichts versteckt. Gleichzeitig ist der Track keineswegs synthetisch, bloß um neuartig zu wirken – stattdessen setzt er voll auf Transparenz, klare Absichten und echte Emotionen.

Der Track erschien im Mai 2025 als letzte Vorabsingle seines Soloalbums Hear the Listener, das Anfang Juni desselben Jahres veröffentlicht wurde. Als Gründungsmitglied von The Glitch Mob und die eine Hälfte des Ambient-Duos Superposition nutzt Boreta seit fast zwei Jahrzehnten Tools von Native Instruments, um aus Software unberechenbare, menschlich wirkende Musik zu formen.

Wir haben uns mit ihm getroffen, um über Modularität, künstlerische Kontrolle und darüber zu sprechen, wie Guitar Rig und Reaktor dabei helfen, Systeme zu erschaffen, in denen Kreativität und Überraschung Hand in Hand gehen.

Direkt zu den Abschnitten:

Von Klassikern mit The Glitch Mob bis hin zu seinem neuen Solowerk beruht Boretas Workflow schon immer auf gezieltem Experimentieren. Diesmal erklärt er uns, was das in einem KI-gestützten kreativen Umfeld bedeutet.

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Wenn du mit KI-generierten Vocals wie Ai.mogen arbeitest: Welche Rolle spielt Modularität dabei, etwas emotional Glaubwürdiges zu formen?

Boreta-Set

Das war ein interessanter Hybrid. Es fing als Sample an, und dann habe ich Imogens Modell genutzt, um Teile davon neu einsingen zu lassen. Komplett KI-generierte Vocals reizen mich eigentlich gar nicht. Was hier funktioniert hat, war, dass dem Ganzen eine neue Ebene hinzugefügt wurde – auf etwas aufbauend, das bereits zutiefst menschlich war.

Ich habe Guitar Rig ausgiebig genutzt, um die Vocals zu formen. Ich habe unzählige Racks gebaut, die ich immer wieder durchgehe und ständig neu patche. Modularität ist hier entscheidend, weil sie mir die nötige Schnelligkeit und Flexibilität gibt, um Dinge auszuprobieren, auf die ich sonst gar nicht kommen würde. Außerdem habe ich eine riesige Sammlung alter Reaktor-Patches, die ich einbinde, um in der Sound-Design-Phase Textur, Eigenwilligkeit und Überraschungsmomente reinzubringen. Es ist ein kontrolliertes Chaos, das dafür sorgt, dass sich etwas Künstliches viel lebendiger anfühlt.

Boreta Reaktor

Sowohl Reaktor als auch Guitar Rig sind für mich Tools für die einsame Insel.

Profi-Tipp: Nutze die Distortion in Guitar Rig als subtile Ebene auf Bässen, Vocals und Pads für mehr Grit. Viele unterschätzen Guitar Rig, aber für mich ist es einer der wandlungsfähigsten Effekte überhaupt.

Was bedeutet Kontrolle für dich in einem kreativen Prozess, der sowohl auf Zufall als auch auf gezielter Absicht beruht?

Boreta Reaktor 2

Zufall und glückliche Fügungen sind für mich alles. Bei meinem Prozess geht es meistens darum, im Dunkeln herumzutappen, bis ich etwas höre, das mich packt – und dem gehe ich dann nach. Ich baue zwar nicht mehr wie früher eigene Reaktor-Ensembles, aber dafür erstelle ich komplexe Ableton-Racks, die fast wie modulare Systeme funktionieren.

Ich schichte Reaktor-Instrumente, Guitar Rig und andere Effekte zu einem einzigen, über Noten getriggerten Setup zusammen, das unberechenbare Ergebnisse ausspuckt. Die Rechner sind heute schnell genug, dass man beim Sound-Design absolut keine Kompromisse mehr eingehen muss.

Was ich auch oft mache: Instrumente auf unkonventionelle Weise übereinanderzulegen. Kontrolle bedeutet für mich, ein System so aufzubauen, dass der Überraschungseffekt quasi fest integriert ist – ich am Ende aber immer noch entscheide, was bleibt.

Profi-Tipp: Philthy ist ein weiteres Highlight aus der User Library.

Gab es für dich ein Spannungsverhältnis zwischen Transparenz bei der KI-Nutzung und dem kreativen Geheimnis, das man als Produzent bewahren möchte? Und wie hilft dir Reaktors Flexibilität, diese Kluft zu überbrücken?

Boreta

Das Wort „KI“ wird im Moment für so viele verschiedene Dinge verwendet, dass es eigentlich jegliche Bedeutung verloren hat. Wenn Leute „KI-Musik“ in einer Schlagzeile lesen, gehen sie sofort davon aus, dass alles auf gestohlenen Daten basiert – was manchmal ja auch stimmt. Das sorgt für Verwirrung und Misstrauen. Aber viele dieser Tools funktionieren überhaupt nicht so.

Imogens Vocal-Modell zum Beispiel ist eher wie ein Vocoder oder Style-Transfer, keine echte generative KI. Es wurde ausschließlich mit ihrer Stimme trainiert, und sie hat den Prozess freigegeben und daran mitgewirkt. Es durchsucht keinen fremden Katalog. Für mich ist diese Art von ethischer KI-Nutzung der einzig gangbare Weg. Reaktor hilft dabei, weil es schon immer um von Künstler*innen entwickelte Tools, Community-Patches und offene Systeme ging. Ich sehe es als Raum für kreative Selbstbestimmung, nicht für reine Optimierung.

Boreta Replika

Und darüber hinaus halte ich es für unerlässlich, dass sich Künstler*innen mit diesen Tools auseinandersetzen. Andernfalls bauen am Ende nur noch Tech-Unternehmen an KI herum, um Zeit oder Kosten zu sparen. Wir müssen uns da eine interessantere Zukunft ausmalen.

Profi-Tipp: Replika ist mein Standard-Delay. Bei den meisten Sessions liegt es auf einem Send-Kanal. Transparent und flexibel.

Musstest du nach deinen Erfahrungen mit The Glitch Mob und Superposition bestimmte Gewohnheiten in Reaktor ablegen, damit sich dieser Track in eine ganz eigene Richtung entwickeln konnte?

Boreta live

Ich entwickle mich ständig weiter, habe aber definitiv ein paar Reaktor-Ensembles, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Reaktor geht so sehr in die Tiefe, dass ich selbst mit denselben Tools ständig neue Facetten entdecke. Ich musste also nichts verlernen, sondern mir nur bewusst eine gewisse Offenheit bewahren.

Einige meiner ersten Arbeiten, wie etwa Slidecamp, basierten auf ein paar zentralen Patches aus Krypt und Vierring. Manche davon nutze ich bis heute für Textur und Atmosphäre. Andere Leute sammeln Vintage-Outboard-Synths. Ich sammle schräge alte Software. Die Langlebigkeit von Reaktor liegt darin, wie persönlich das Instrument werden kann. Es geht nicht darum, Trends hinterherzulaufen. Es geht darum, eine ganz eigene Sprache zu entwickeln.

Profi-Tipp: Ich liebe es, alte, schräge Instrumente wie Krypt oder Vierring übereinanderzulegen, damit in einem Track zu jammen und die Fragmente dann für glitchige Percussion-Highlights zu zerschneiden.

Gehst du beim Mischen von KI-Vocals genauso vor wie bei einer menschlichen Stimme?

Boreta Razor

Ich behandle KI-Vocals wie Samples. Es erinnert eher daran, ein seltsames Schnipsel von einer Vinyl zu samplen, als mit einer echten Performance zu arbeiten. Ich mische sie also nicht wie einen Lead-Gesang ab, sondern betrachte sie als Found Sound – inklusive aller schrägen Artefakte. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Album. So gut wie nichts wurde wie in einem traditionellen Pop-Mix gemischt. Alles wurde geschichtet, zerschnitten, neu bearbeitet und so geformt, dass es genau in die Klangwelt passt, die ich im Kopf hatte – nicht, um natürlich zu klingen, sondern um sich richtig anzufühlen.

Profi-Tipp: Razor ist mein Lieblings-Vocoder. Nutze ihn auf Vocals oder Drums für abgefahrene Effekte.

Letzte Frage: Was würdest du anderen Produzent*innen raten, die noch zögern, Reaktor zu lernen oder sich überhaupt mit modularen Tools zu beschäftigen?

Boreta Razor 2

Abgesehen von Ableton ist Reaktor das einzige Instrument, das ich von Anfang an durchgehend genutzt habe. Ich habe Patches, die auf jedem einzelnen Album von mir auftauchen – darunter auch solche, die den Sound von The Glitch Mob in den Anfangsjahren geprägt haben. In einer Zeit, in der Musik-Tools immer cleaner, immer mehr Hi-Fi und stromlinienförmiger werden, ist Reaktor immer noch ein Ort, an dem man sich wunderbar verlieren kann.

Außerdem ist es eine echte Goldgrube für kostenlose Instrumente aus der Community. Wenn man bereit ist, ein bisschen zu graben und zu experimentieren, findet man dort eine ganz besondere Magie, die es nirgendwo sonst gibt. Man muss nicht erst lernen, alles von Grund auf selbst zu bauen. Fang einfach an zu spielen. Früher oder später stößt du auf etwas, das dich überrascht – und genau mit dieser Überraschung fängt alles an.

Profi-Tipp: Assbooster ist ein uraltes, extrem schwer zu findendes Ensemble, das wir auf früheren Glitch Mob-Platten verwendet haben. Legendär.

Fazit

Ein riesiges Dankeschön an Boreta für die Einblicke in die Ideen, die Ethik und die Tools hinter „Back to Life“. Sein Ansatz mit Ai.mogen geht über die übliche KI-Debatte hinaus und stellt eine viel wichtigere Frage: Was können wir mit KI anstellen, wenn Künstler*innen die Kontrolle behalten? Die Antwort darauf ist – zumindest in Boretas Händen – unperfekt, zutiefst persönlich und bereit, sich immer weiterzuentwickeln.

Sein neues Soloalbum Hear the Listener ist am 5. Juni erschienen – und es beweist eindrucksvoll, dass seine musikalische Handschrift genauso wandelbar ist wie die Tools, auf die er seit jeher vertraut.

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