Wingtip hat seine Karriere darauf aufgebaut, Pop-Songwriting mit Rock-Texturen und elektronischer Produktion zu verschmelzen. Sein neues Album Luckyman, erschienen bei Nettwerk, erweitert diese Mischung zu dem, was er als „maximalistischen Classic Rock“ bezeichnet – ein Zusammenspiel von Gitarren, Pedal-Steel, Saxofon und Streichern mit digitalen Tools wie Kontakt.
Ein zentraler Baustein dieser Balance war The Grandeur. Das Instrument half Wingtip dabei, surreale Piano-Momente zu kreieren, Live-Aufnahmen mit digitaler Klarheit auszubalancieren und Layer hinzuzufügen, die der Dimension des Albums gerecht werden. Zum Teil in einem Airbnb in Malibu zusammen mit seinen Kollaborationspartnern Theo Kandel und Jack Kleinick entstanden, zeigt Luckyman, wie die Flexibilität zwischen akustischen und digitalen Elementen Platten hervorbringen kann, die sich gleichzeitig nostalgisch und zukunftsorientiert anfühlen.
Wingtip nimmt uns mit in die Sessions hinter Luckyman und zeigt, wie The Grandeur zur Brücke zwischen traditionellem Recording und digitaler Kreativität wurde.
Spring direkt zu diesen Abschnitten:
- Verschmelzung von Live-Instrumenten und The Grandeur
- Layering maximalistischer Piano-Texturen
- Wie Digitalpianos nicht zu poliert klingen
- Der Track mit der besten Balance
- Warum die Zukunft des Pop verschwimmende Grenzen liebt
- Kontakts Rolle bei der Entstehung von Luckyman
Hol dir das facettenreiche harmonische Layering und die cineastischen Swells aus diesem Interview mit unserem modernen Signature-Konzertflügel:
Als du mit der Arbeit an Luckyman begonnen hast: Was hat dich dazu bewogen, Live-Instrumente wie Pedal-Steel und Saxofon mit digitalen wie The Grandeur zu kombinieren?
Meine Lieblingsalben sind diejenigen, die sich fast wie eine traditionelle Live-Platte anfühlen, aber Momente haben, in denen man denkt: „Moment mal, so klingt eine Gitarre? Das kann doch nicht sein.“
Vieles davon entsteht meiner Erfahrung nach dadurch, dass man traditionell aufgenommene Live-Instrumente mit Plug-ins wie denen von Native Instruments ausbalanciert.

Das Album setzt stark auf Texturen im Stil von „maximalistischem Classic Rock“. Wie hat dir The Grandeur geholfen, diese großen, halligen Piano-Momente zu layern, ohne dass die Klarheit verloren geht?
Ein gutes Beispiel für unsere Layering-Arbeitsweise ist das Intro des Albums. Wir ließen den Pianisten Max Bergmanis mit einem Piano-Riff auf einem MIDI-Keyboard beginnen, das mit The Grandeur verbunden war. Danach nahmen wir ihn an einem alten Klavier in einem großen Raum mit hohen Decken auf und layerten das Audiomaterial übereinander.

Wir betteten The Grandeur darunter ein, um diese überlebensgroße Wärme zu erzeugen, die mit einem mikrofonierten Klavier nur schwer zu erreichen ist (es sei denn, man verfügt über immense Studioressourcen). Anschließend haben wir das aufgenommene Klavier ab und zu über einen Sidechain-Kompressor weggeduckt, gesteuert vom MIDI-Piano.
Dadurch entsteht dieses pulsierende, schwer greifbare Feeling des Pianos – genau das, was wir erreichen wollten. Es sollte fast so wirken, als würde man es aus mehreren verschiedenen Lautsprechern gleichzeitig hören.
In einem anderen Track, „Love Is Such a Stupid Feeling“, haben wir The Grandeur fast wie einen Bass eingesetzt. Wir haben die maximale Velocity ausgereizt und das Kompressor-Preset Flattenator in Ableton genutzt, um Sustain und Low-End zu pushen. Das haben wir dann in einem großen, triumphalen Moment unter die Synth-Line gelegt. Man fragt sich unweigerlich, ob da überhaupt noch ein Piano gespielt wird.
Wie verhinderst du, dass ein digitales Piano wie The Grandeur zu poliert wirkt, wenn es mit dem rohen Sound von Live-Musiker*innen kombiniert wird?
Vieles hängt davon ab, den Kontext zu verstehen und kluge Entscheidungen darüber zu treffen, wozu man es in Kontrast setzt.

In „Bloodstream“ zum Beispiel nutzen wir im Intro fast ausschließlich das MIDI-Piano. Der Grund dafür ist, dass es dort in keinem Kontrast steht – die Hörer*innen nehmen also keinen echten Live-Part wahr, der möglicherweise weniger poliert klingt.
Sobald der Pre-Chorus des Tracks einsetzt, in dem alle Elemente präsent sind, sind wir auf ein mikrofoniertes Klavier mit starkem Panning umgestiegen. Außerdem haben wir The Grandeur mit einem Tiefpassfilter belegt, um genau diese Tiefe in der Stereomitte zu behalten.
Profi-Tipp von Wingtip: Fürs Scoring von Filmmusik schiebst du den Tone-Regler in Richtung Dark und drehst Dynamic Range voll auf. Das sorgt für ein intimes, stimmungsvolles Low-End mit enormem Headroom für dramatische Swells.
Welcher Track auf Luckyman veranschaulicht am besten, wie Live- und Digital-Elemente harmonisch zusammenwirken?
Schwierige Frage. Ich glaube, „Bloodstream“ ist mein Favorit, was das Zusammenspiel all dieser Elemente angeht. Es beginnt mit einem Grandeur-Preset, dessen Resonanz wir angepasst haben, sodass eine druckvolle, brillante Textur entstand. Diese lassen wir im Song immer wieder auftauchen und verschwinden – je nachdem, was gerade im Track passiert.

Wir haben dort einige verschiedene Kontakt-Instrumente verwendet, darunter ein Ragtime-Piano mit einem herrlich warmen Vibrato, das im Refrain genau die richtige Bar-Atmosphäre erzeugt hat.
Außerdem hat Guitar Rig enorm geholfen, die per DI aufgenommene Gitarre richtig fett klingen zu lassen. Mit dem integrierten Harmonizer haben wir diesen dichten 80er-Jahre-Sound hinbekommen.
Dazu kamen verschiedene Synth-Elemente für Pad-Sounds im Hintergrund. Sie fügen sich wunderbar in den Chorus ein und bringen etwas Luftigkeit in den oberen Frequenzbereich.
Profi-Tipp von Wingtip: Wenn sich The Grandeur in einem dichten Pop-Mix durchsetzen soll, dreh die Resonanz herunter und hebe den Brightness-Regler leicht an. Verkürze dann die Release-Zeit, damit das Piano knackig bleibt und die tiefen Mitten nicht zumatscht. Etwas Sättigung oder ein nachträglicher EQ-Boost um 3–5 kHz sorgen dafür, dass es wie ein radiotaugliches Klavier klingt, ohne den Konzertflügel-Charakter zu verlieren.
Glaubst du, dass es in der Zukunft der Pop-Produktion eher darum geht, die Grenze zwischen live und digital verschwimmen zu lassen, statt sich für eines von beidem zu entscheiden?
Definitiv. Ich denke, die meisten arbeiten in Situationen, in denen man nicht ständig perfekten High-End-Sound zur Verfügung hat. In unserem Fall haben wir in einem Airbnb in Malibu mit Fliesenboden gearbeitet – ein komplettes Recording-Setup war also schlicht keine Option.
Genau da kommen Tools wie The Grandeur und die gesamte Kontakt-Library wie gerufen. Doch darüber hinaus lässt sich beobachten, dass verfremdete Versionen von Live-Instrumenten immer selbstverständlicher werden. Ich höre heute viel mehr pitch-geshiftete Gitarren und Pianos mit starkem Chorus als früher – und ich glaube, die Lust auf echte Live-Performances wächst spürbar.
Rückblickend betrachtet: Wäre Luckyman ohne die Flexibilität von Kontakt neben den Live-Instrumenten überhaupt möglich gewesen?
Ganz sicher nicht – dieses Album entstand in einem ganzen Jahr voller Überarbeitungen, spontaner Ergänzungen und neuer Ideen. Vieles davon geschah in irgendwelchen Airbnbs, Schlafzimmern und auf Veranden.

Die Flexibilität zu haben, Parts jederzeit zu verändern, während sie weiterhin absolut hochauflösend und nah an einer echten Live-Aufnahme klingen, war unbezahlbar. Außerdem ging es bei dem Album darum, fast schon surreal zu klingen – wenn du verstehst, was ich meine.
Wir haben oft darüber gesprochen, wie gewaltig viele unserer liebsten Rock-Alben aus den 70er- und 80er-Jahren klangen, als wir sie zum ersten Mal gehört haben. Genau dieses nostalgische Feeling wollten wir auf die Platte bringen. Paradoxerweise mussten wir, um diesen vertrauten Sound zu kreieren, virtuelle Instrumente einsetzen, die besser und sauberer klangen als jedes echte Live-Instrument je klingen könnte.
Fazit
Luckyman vereint die Energie von Live-Performances mit der Präzision digitaler Produktion. The Grandeur ermöglichte es Wingtip, Pianos zu bauen, die als Bass-Elemente, Hintergrund-Layer und filmische Akzente funktionieren – und sich neben echten Gitarren und Bläsern dennoch völlig natürlich anfühlen.
Kontakt lieferte die nötige Konstanz für ein Album, das von ständigen Umarbeitungen und Ortswechseln geprägt war. Es bot die nötige Freiheit, Parts auszutauschen, Arrangements anzupassen und stets einen erstklassigen Sound zu bewahren – ganz egal, wo gerade aufgenommen wurde.
Das Ergebnis ist ein Album, das nostalgisch berührt und zugleich vollkommen modern bleibt – und eindrucksvoll zeigt, wie Instrumente wie The Grandeur und Kontakt Produktionen prägen können, die Live- und digitale Elemente miteinander verbinden.