Cornel Wilczek hat seine Karriere darauf aufgebaut, Sound auf unkonventionelle Weise zu erforschen.
Vom Soundtrack für A24s Horror-Hit Talk To Me bis hin zu seiner neuesten Arbeit an Michael Shanks’ Together hat er immer wieder die Grenzen dessen verschoben, was ein moderner Film-Score sein kann. Guitar Rig gehört seit 2014 zu seinen zentralen Werkzeugen – als modularer Effekt-Hub und Plattform für klangliche Experimente zugleich.
In diesem Interview erzählt Cornel, wie Guitar Rig zum Herzstück seines Workflows wurde, warum technisches Verständnis für Effekte so wichtig ist und wie er traditionelles Scoring mit experimentellem Processing verbindet, um emotionsgeladene, klanglich unverwechselbare Scores zu erschaffen.
Direkt zu den Abschnitten:
- Wie Cornel Guitar Rig jenseits von Gitarren einsetzt
- Warum technisches Wissen die Kreativität beflügelt
- Orchestrierung trifft auf experimentelle Effekte
- Unkonventionelles Processing in Together
Und natürlich gibt es zwischendurch immer wieder praktische Tipps für alle, die Multi-Effekt-Plug-ins beim Komponieren einsetzen. Wir haben mit Cornel darüber gesprochen, wie Guitar Rig seinen Ansatz beim Scoring verändert hat und wie er immer wieder neue Wege findet, um die Grenzen des Sound-Designs in narrativer Musik neu zu definieren.
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Wann hast du angefangen, mit Guitar Rig an anderen Klangquellen als Gitarren zu experimentieren?

Ich habe um 2014 herum angefangen, Guitar Rig für andere Klangquellen als Gitarren zu nutzen. Im Grunde bin ich Gitarrist und habe im Lauf der Jahre jede Menge Pedale gesammelt. Sie waren schon immer ein zentraler Bestandteil meines Sound-Design- und Mixing-Workflows. Aber als ich in jenem Jahr meinen ersten Spielfilm und eine laufende TV-Serie an Land zog, war das Tempo unbarmherzig – und das ständige Umstecken der Pedale war einfach nicht mehr machbar. Sounds zu reproduzieren war ein Albtraum.
Also habe ich Guitar Rig ausprobiert. Ich konnte nicht nur einige meiner liebsten Pedalketten nachbauen, sondern ging schnell noch viel weiter: Mit Modifiers und internen Tools baute ich weitaus komplexere und reaktivere Sounds. Da hat es wirklich klick gemacht. Seitdem sind viele andere Plug-ins gekommen und gegangen, aber Guitar Rig ist geblieben.
Weil alles unter einem Dach ist und sich globale Modulationen über mehrere Parameter hinweg anwenden lassen, ist es zu meinem modularen Effekt-Arbeitstier geworden.
Wie wichtig ist es für moderne Komponist*innen, Effekt-Processing nicht nur auf musikalischer, sondern auch auf technischer Ebene zu verstehen?

Das ist eine tolle Frage – und ich denke, die Antwort hat zwei Seiten. Einerseits gilt: Wenn es gut klingt, ist es gut. Du musst nicht bis ins Detail verstehen, was ein Effekt unter der Haube macht, um ihn kreativ einzusetzen. Tatsächlich entstehen einige der besten Ergebnisse durch spielerisches Ausprobieren, ohne zu viel nachzudenken. Diese Art von Neugier gedeiht am besten, wenn man nicht ganz genau weiß, was da gerade passiert.
Aber mit der Zeit – besonders wenn du jeden Tag komponierst und schnell Ergebnisse liefern musst – wird ein tieferes technisches Verständnis unglaublich nützlich. Wenn du einen bestimmten Sound im Kopf hast, hilft dir das Wissen über die Funktionsweise von Effekten dabei, ihn schneller und präziser umzusetzen.
Dieses Verständnis wächst oft ganz natürlich durch die Praxis, aber ich glaube, es lohnt sich wirklich, bewusst zu lernen, wie die einzelnen Effekte funktionieren. Das erweitert deine klangliche Palette und öffnet Türen zu unerwarteten Ergebnissen, ohne dass du dich allein auf glückliche Zufälle verlassen musst.
Profi-Tipp von Cornel Wilczek: Rendere alles. Baue Libraries auf. Nimm dein mit Effekten bearbeitetes Audio immer direkt auf. Sobald es gerendert ist, kannst du es schneiden, verschieben, neu verwenden und schichten – genau wie jedes aufgenommene Instrument. Ich liebe es, die MIDI- und Plug-in-Welt zu verlassen und mit Audio als Rohmaterial zu arbeiten – es wird Teil deines ganz persönlichen Signatur-Toolkits.
Hat der Einsatz von Tools wie Guitar Rig die kreative Rolle beim Komponieren über die traditionelle Orchestrierung hinaus erweitert?

Ja, zu 100 %! Tools wie Guitar Rig haben völlig verändert, was es heute bedeutet, Musik für Film zu schreiben. Plötzlich kann der klangliche Charakter eines Sounds genauso viel erzählerisches Gewicht tragen wie Tonhöhe, Tempo oder Melodie.
Traditionelle Orchestrierung gibt es seit Jahrhunderten, und es kann eine echte Herausforderung sein, innerhalb dieses Rahmens eine eigene Stimme zu finden. Aber modulare Effekte und Tools wie Guitar Rig ermöglichen es uns, diese Grenzen zu überschreiten – und lassen die Grenze zwischen Komposition und Sound-Design verschwimmen. Sie erlauben es uns, auf völlig neue Weise in das psychoakustische und emotionale Gefüge einer Geschichte einzutauchen.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, eine Figur wird psychologisch manipuliert. Natürlich könntest du mit traditioneller Harmonielehre ein dissonantes, changierendes Stück ohne tonales Zentrum schreiben. Wenn du aber zeitverzerrende Delays, glitchende Granular-Texturen und räumliche Desorientierung durch Panning hinzufügst, spiegelt der Sound selbst den psychischen Zerfall wider. Die Musik untermalt die Emotion nicht nur – sie wird zur Emotion.

Profi-Tipp von Cornel Wilczek: Performe deine Effekte. Ich mache immer Durchläufe, bei denen ich Effekte in Echtzeit performe – egal ob mit Software oder Pedalen. Effekte wie Instrumente zu behandeln und live zum Bild zu reagieren, verbindet Hände, Ohren und Instinkte direkt mit dem Film. Das ist eine wirkungsvolle Methode, um emotional perfekt mit der Szene synchron zu bleiben.
Glaubst du, dass modernes Scoring einen hybriden Ansatz erfordert, der traditionelles Komponieren mit experimentellem Processing verbindet?

Ich denke, es gibt für alles einen Platz. Einige unglaubliche Komponist*innen arbeiten immer noch rein traditionell, wählen ihre Klangpalette mit Bedacht und schreiben mit so viel Raffinesse, dass sie kein Processing brauchen, um musikalisch in die Tiefe zu gehen. Dieser Ansatz ist nach wie vor absolut legitim und kann extrem wirkungsvoll sein.
Aber der hybride Ansatz? Er macht einfach zu viel Spaß, um ihn zu ignorieren. Das Experimentieren mit Processing öffnet so viele kreative Türen – und ehrlich gesagt ist es genau das, was viele Menschen heute hören wollen. Dank moderner Pop- und elektronischer Musik ist das Publikum an abgefahrene Texturen und komplexe Soundscapes gewöhnt. Filmmusik nimmt seltsame und unkonventionelle Klänge heutzutage mühelos auf, und wenn es gut gemacht ist, funktioniert es einfach. Es drängt sich nicht auf, sondern wird Teil der emotionalen Sprache.
Und ehrlich gesagt ist genau das das Zeug, das ich am meisten liebe.
Profi-Tipp von Cornel Wilczek: Container für Control-Freaks. Container sind extrem praktisch, wenn du deine Effekte performen willst. Weise einfach nur die benötigten Parameter vier übersichtlichen Reglern zu – schon hast du einen greifbaren, performance-tauglichen Makro-Controller, der Zeit spart und zu intuitiven Automationen inspiriert.
Welchen Rat würdest du anderen Komponist*innen geben, die über Standard-Instrumenten-Libraries hinausgehen und mit Plug-ins experimentieren wollen?

Nimm dir Zeit zum Experimentieren. Lies Drehbücher und konzentriere dich ganz darauf, welche Empfindungen sie in dir auslösen. Versuche dann, diese Gefühle mit einfachen Sounds nachzubilden, und jage sie durch Effektketten, um zu sehen, wie weit du gehen kannst.
Pass aber auf, dass du es nicht übertreibst. Es macht so viel Spaß, dass man manchmal gar nicht merkt, wie man ein wunderbares Chaos anrichtet! Ich konzentriere mich meistens auf einen Lead-Sound oder ein Instrument und erkunde von dort aus weiter. Wenn dich die Fülle an Optionen überwältigt, fang einfach mit einem einzigen Effekt an. Delays sind ein toller Einstieg. Hänge einen LFO dran – und schon bist du bei Chorus, Flanging oder sogar Tape-Style-Warping.
Probiere außerdem aus, Effekte auf Instrumente anzuwenden, die man normalerweise nicht mit Sound-Design verbindet. Das Cello ist zum Beispiel ein Klassiker des traditionellen Scorings – aber verfremde es in etwas Taumelndes, Nicht-von-dieser-Welt, als würde es sich hinter einem psychedelischen Vorhang verstecken, und plötzlich eröffnet es völlig neue Wege für deinen Score.
Profi-Tipp von Cornel Wilczek: Split für deinen Signatur-Sound. Das Split-Modul kann aus einem einfachen Effekt etwas absolut Einzigartiges machen. Versuche, Mitten- und Seitensignale oder den linken und rechten Kanal unterschiedlich zu bearbeiten. Diese Asymmetrie kann eine subtile (oder extreme) Komplexität erzeugen, die zum prägenden Sound deines Scores werden könnte.
Wie hat die Arbeit an Filmen wie Together deinen Blick darauf geprägt, wie weit man unkonventionelles Processing in einem Score treiben kann?

Together hat mich wirklich dazu gebracht, viele der experimentellen Ideen, mit denen ich zuvor gespielt hatte, voll durchzuziehen. Schon früh stieß ich auf das Konzept der Resonanz (sympathetic resonance) als roten Faden. Es fühlte sich wie eine wunderschöne Metapher für die emotionale Landschaft des Films an. In der Physik bezeichnet Resonanz das Mitschwingen eines passiven Objekts bei Frequenzen, die seiner eigenen harmonischen Identität entsprechen. Diese Idee – dass ein Element auf ein anderes reagiert, ganz ohne direkten Kontakt – passte konzeptionell perfekt zur Geschichte.
Um das klanglich zu erforschen, baute ich eine mit Federn gefüllte Metallbox und brachte darin ein Kontaktmikrofon an. Über einen Lautsprecher jagte ich Musik hinein, und die daraus resultierenden Resonanzen waren wild und unberechenbar – eine metallische, geisterhafte Klangwolke, die zum atmosphärischen Rückgrat des Scores wurde. Indem ich die Tonhöhe des Eingangsmaterials verschob, konnte ich Momente von Spannung und Entspannung erzeugen, fast so, als führten die Musik und die Federn einen wechselseitigen Dialog.
Ich habe sogar versucht, einiges von diesem Verhalten in Guitar Rig nachzubilden. Es war natürlich nicht dasselbe, aber das Spiel mit der ResoChord-Komponente bescherte mir ähnlich faszinierende harmonische Bewegungen. Es war ein großartiger Weg, um die Grenzen zwischen akustischer Skurrilität und digitaler Kontrolle verschwimmen zu lassen.
Profi-Tipp von Cornel Wilczek: Modifiers sind das A und O. Effekte sind klasse, aber Effekte, die sich bewegen, sind noch besser. Die Modifiers in Guitar Rig sind eine Geheimwaffe, um Sounds dynamisch und unvorhersehbar weiterzuentwickeln. Versuche mal, denselben Modifier auf völlig unterschiedliche Parameter innerhalb deiner Signalkette zu routen. Oft entstehen dabei Texturen, die wie aus einem Guss wirken, organisch klingen und genau die richtige Prise Verrücktheit mitbringen.
Fazit
Cornel Wilczeks Umgang mit Guitar Rig erinnert daran, dass Werkzeuge immer nur so wirkungsvoll sind wie die Neugier, mit der man ihnen begegnet. Durch die Kombination aus fundiertem technischem Wissen und purer Experimentierfreude hat er einen Weg gefunden, Effekte zu einem ganz eigenen Instrument des Storytellings zu machen.
Ein großes Dankeschön an Cornel für seine Einblicke und dafür, dass er zeigt, wie sehr es bei einem modernen Score nicht nur um Noten, sondern um Sound geht.