|Danny Turner

Thomas Ragsdale über atmosphärische Werbemusik

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Thomas Ragsdale on atmospheric, commercial music

Der aus Yorkshire stammende Komponist Thomas Ragsdale ist der lebende Beweis dafür, dass man die eingeschworene Welt der TV-Werbung und des Films auch auf eigene Faust erobern kann. Die Tools von Native Instruments spielten dabei eine entscheidende Rolle: Sie ermöglichten es Ragsdale nicht nur, komplett „in the box“ zu produzieren, sondern brachten ihm mit dem Native Kontrol Standard (NKS) auch die perfekte Lösung, um seine zahllosen Software-Synths und Plug-ins zu koordinieren.

Aufgewachsen mit dem Sound von The Animals’ „House of the Rising Sun“, trieb ihn seine jugendliche Rebellion zunächst zum Nu-Metal – inklusive Anschaffung einer Fender Strat und eines 30-Watt-Verstärkers. An der Leeds University entdeckte der Produzent schließlich die Wucht und Intensität elektronischer Musik. Ragsdale war schon damals Fan von Horror- und Sci-Fi-Soundtracks und verbrachte seine prägenden Jahre damit, elektronische Atmosphären für Studentenfilme und Online-Spots zu basteln, während er unermüdlich versuchte, in der Branche Fuß zu fassen.

Sein Bandcamp-Profil erregte schließlich die Aufmerksamkeit des Filmemachers Adam Curtis, was dazu führte, dass Ragsdales zutiefst atmosphärischer Track „Warning Mass“ in wegweisenden Dokumentationen für Vice und die BBC zu hören war. Parallel dazu nahm Domino Publishing Ragsdale in sein renommiertes Roster an Komponist*innen auf – während er Werbespots für Großkunden wie BMW, Prada und Twitter vertonte und die Soundtracks für den Horrorfilm „Before Dawn“ sowie den packenden britischen Thriller „Bait“ komponierte.

Nach eigener Aussage wäre all das ohne Native Instruments nicht möglich gewesen. Als unverzichtbare Werkzeuge in seinem Produktionsprozess ermöglichten Software-Pakete wie KONTAKT, REAKTOR und THRILL die Erschaffung gewaltiger, detailreich ausgearbeiteter cineastischer Klangwelten. Durch die Einführung des Native Kontrol Standard (NKS) wurde sein Workflow noch weiter gestrafft – Native Instruments’ erweitertes Plug-in-Format verbindet Software-Instrumente und Effekte von über 75 verschiedenen Entwicklungsstudios.

Thomas Ragsdale sitzt in seinem Heimstudio, umgeben von Musikproduktionsequipment

Mein Weg in die Branche

Am Anfang hatte ich keine Ahnung, was ich tat, also kaufte ich mir einen billigen Computer und ein paar ziemlich abgefahrene alte Roland-Hardware-Soundprozessoren. Ich wusste nur, dass ich wie Aphex Twin und Goldie sein wollte. Also besorgte ich mir alles, was irgendwer für 50 Pfund verkaufte, und kombinierte das mit einer Kopie von Reason 2. So konnte ich am Bildschirm arbeiten und nach und nach meine eigene Produktionsästhetik entwickeln. Ich habe nie in London gelebt – und es gibt ja dieses hartnäckige Vorurteil, dass man unbedingt dort sein muss, wo die Aufträge sind. Aber ich glaube: Wenn du hart arbeitest, dich da draußen präsentierst und Musik machst, die sich für dich richtig anfühlt, spricht das die Leute viel mehr an.

Ich wusste nicht wirklich, wie man auf dem klassischen Weg in die Werbebranche reinkommt. Ich hätte an das London College of Music gehen und einen Abschluss in Komposition machen können, aber stattdessen habe ich einfach genau darauf geachtet, was im Fernsehen lief. Ich habe nicht versucht, es zu imitieren, sondern mich von Sounds inspirieren lassen, die gerade angesagt waren. Ich habe Musik geschrieben und veröffentlicht und bin dabei auf diesen unheimlichen, düster-atmosphärischen Sound gestoßen, der mir gefällt – und den Leuten scheint er auch zu gefallen, auch wenn es eine Menge harter Arbeit war, Kontakte in der Branche zu knüpfen, die genau auf diesen Sound stehen.

Thomas Ragsdale arbeitet am Studiotisch an Kompositionen für Werbemusik
Nahaufnahme von Musikequipment, Synthesizern und Instrumenten in Thomas Ragsdales Studio

Ein echtes Statement setzen

Früher lief bei Film und Fernsehen und bei Musik im Allgemeinen vieles einfach im Hintergrund, ohne ein echtes Statement zu setzen. Aber Filme und Serien werden heute viel stärker von der Musik getrieben. Oft wird zuerst die Musik ausgewählt und das Bildmaterial darauf geschnitten. Quentin Tarantino wählt Musik aus und schreibt einen Film darum herum, und Darren Aronofsky setzt für den perfekten Soundtrack auf Clint Mansell – genau wie David Fincher auf Trent Reznor. Ich habe wahrscheinlich mehr Film-Scores gehört als Filme gesehen. Es ist ein eigenes Format: nicht ganz klassischer Soundtrack, aber auch kein normales Album. Im Zusammenspiel mit dem Film ist die Musik meistens noch viel besser, aber weil sie zu einem eigenständigen Format geworden ist, nehmen die Leute sie heute viel ernster.

Die Zusammenarbeit mit Bulgari

Der Anruf kam nicht völlig aus dem Nichts. Ich hatte bei einem Musikverlag unterschrieben, weil ich diese schräge, atmosphärische Musik machte, und genau das hat Bulgari definitiv beeindruckt – auch wenn die Musik für den Spot gar nicht dem entsprach, was ich normalerweise mache. Ich denke, meine Referenzen für Topman und Prada haben Eindruck hinterlassen. Bis auf ein bisschen Gitarre entstand die Bulgari-Werbung komplett „in the box“. Genau deshalb habe ich den Job auch bekommen, denn es war schlicht keine Zeit, ein Studio zu buchen. Bei den Drums war es ganz klar ein Fall für KONTAKT, bei den Gitarren kam GUITAR RIG zum Einsatz und ich habe sogar ein E-Bass-Plug-in aus Kontakt verwendet.

Die Entscheidung für Ableton

Wenn ich anderen Komponist*innen erzähle, dass ich mit Ableton arbeite, lachen sie mich meistens aus oder schauen mich skeptisch an. Dabei habe ich damit vier Film-Scores und unzählige Werbespots produziert. Ich habe riesige 90-minütige Filme mit 300 Musikspuren aufgenommen und nie das Gefühl gehabt, dass eine andere Software das besser könnte. Vielleicht liegt es daran, dass ich gar nicht so viel mit Audio arbeite: Ich bin ein MIDI-Typ, der auf Plug-ins und das Layern von Effekten steht. Viele schätzen Ableton als DAW, mit der man besonders schnell ans Ziel kommt, aber so arbeite ich gar nicht – ich will den Prozess genießen und kann problemlos sechs Stunden an einem einzigen Sound feilen.

Die Entdeckung von Native Instruments

Auf Native Instruments bin ich schon ganz früh gestoßen. Ich hatte davon gehört, was Plug-ins so alles können, und kaufte mir auf eBay eine gebrauchte Version von BATTERY. Ich wusste nicht einmal genau, was es war, aber nach der Installation stellte ich fest, dass es voller fantastischer Drum-Sounds steckte. Als ich mir vor etwa zehn Jahren KOMPLETE 2 holte, dachte ich: Mein Gott, jetzt habe ich wirklich alles – Orchester, Klaviere, abgefahrene Synths. Da steckt so viel drin, dass ich es bis heute noch nicht komplett durchforstet habe. Mit Outboard-Equipment habe ich mich eigentlich nie groß beschäftigt. Bei Komplete bekommt man einige wirklich exzellente Kompressoren mit Sättigung, wie Vari Comp, den ich für absolut alles benutze, und Solid Dynamics. Ich weiß nicht, ob Native damals für Effekte bekannt war, aber die Dinger sind der Wahnsinn.

Thomas Ragsdale begutachtet Tonspuren auf einem Computerbildschirm in seinem Musikstudio

Inspiration finden

Ich liebe Presets. Manche Leute halten das für „geschummelt“, aber ich packe einfach eine ganze Reihe von Plug-ins auf einen Sound, drücke auf Play, drehe auf – und plötzlich entsteht etwas, worauf ich von alleine nie gekommen wäre. Ich finde, unsere Ohren sind oft zu brav und halten einen von solchen Experimenten ab. Manchmal werfe ich einfach alles rein, packe zehn Delays auf einen Sound, erzeuge ein riesiges, seltsames Geräusch und ziehe es durch. Für mich gibt es zwei Arten, Musik zu machen: die experimentelle, verspielte, schräge Seite – und meine funktionale, präzise Seite für die Werbung, bei der ich auf ganz bestimmte Tools setze, vor allem auf KONTAKT.

Ich werde oft für Produktionen mit echten Drum-Sounds angefragt, dafür nutze ich das ABBEY ROAD-Kit. Und GUITAR RIG kommt für alles zum Einsatz, was nach Jimi Hendrix klingen soll. Ich spiele gar nicht so schlecht Gitarre, aber die Software bietet fantastische Effekte aus den 60er- und 70er-Jahren, die sich extrem einfach bedienen lassen. Meiner Meinung nach hört niemand den Unterschied. Ich habe GUITAR RIG auch schon für Orgeln eingesetzt, weil es eine großartige Loop-Machine an Bord hat. Sie ist zwar sehr rudimentär und nimmt nur sieben Sekunden auf, aber manchmal reicht genau das – und solche Beschränkungen holen oft das Beste aus einem heraus.

Die REAKTOR User Library

Für Drone-Sounds nehme ich echte Gitarren und belege sie mit Effekten, die man sonst eher auf einem Synth findet – mit viel Reverb, Delay und Tape-Echo, um Akkorde zu schichten oder Ambient-Texturen zu bauen. Ich setze viele der REAKTOR-Effekte auf Gitarren ein. Und wenn mir mal langweilig ist oder mir die Inspiration fehlt, gehe ich auf die Website der REAKTOR User Library und lade mir willkürlich Effekte herunter, die andere User dort geteilt haben. Ich habe da schon unglaubliche Sachen entdeckt. Es gibt dieses VHS-Effekt-Plug-in, das den Sound richtig schön zersetzt. Es klingt herrlich dreckig und kaputt, verleiht aber allem eine wunderbare Wärme. Niemand glaubt mir, wie ich diesen Sound hinbekommen habe – und dabei ist es ein kostenloser Effekt.

Die Genialität von THRILL

Ich hatte jahrelang davon geträumt, bestimmte Sounds zu kreieren – wie Geräusche für Horror-Soundtracks mit verstörenden Streichern und scheppernden Drums. Dinge, die ich nie machen konnte, weil mir das Equipment, die Möglichkeiten oder das Geld fehlten. Als THRILL herauskam, habe ich es sofort gekauft. Das Team trifft genau den Punkt: zugängliche Sounds, die man lädt, eine Taste drückt – und schon entfaltet sich ein endloser, lebendiger Albtraum. Das Einzige, was mir an THRILL nicht gefällt, ist, dass es auch andere nutzen können. Ich habe schon komplette Film-Scores mit 30 verschiedenen Instanzen vertont, eine für jede Szene. Die Streichersounds sind so sauber und flexibel editierbar, dass man kein echtes Streicher-Ensemble mehr buchen muss. Dieses Programm ist ein absolutes Wunderwerk und sollte eigentlich das Zehnfache kosten.

UNA CORDA Piano

Native war schon immer eine großartige Company, aber in letzter Zeit laufen sie zur Höchstform auf. Ich habe mir das UNA CORDA-Piano-Plug-in für Kontakt geholt und es ist fantastisch. Es liefert genau die Art von Klaviersound, nach der ich seit Jahren gesucht habe. Es wurde von Nils Frahm entwickelt und hat eine unglaublich sanfte, feine Dynamik, dazu tolle Effekte und ein paar ziemlich abgefahrene Features an Bord. Diesen Sound hatte ich in letzter Zeit in vielen Film-Scores bemerkt, wusste aber einfach nicht, wie ich ihn selbst hinbekommen sollte.

Arbeiten mit dem Native Kontrol Standard (NKS)

NKS ist richtig stark. Es passt genau zu dem, was ich vorhin meinte: Bei Native Instruments hat sich einiges getan und ist noch besser geworden. Für die Organisation meiner Sound-Libraries ist es genial – besonders wenn ich an riesigen Projekten sitze. Wenn du einen Film vertonst und an die 200 Spuren offen hast, kann Ableton schnell unübersichtlich werden. Also öffne ich einfach KOMPLETE KONTROL, und NKS bringt Ordnung in all die Plug-ins.

Weil alles kategorisiert ist und visuell übersichtlich dargestellt wird, komme ich viel schneller an den Sound, den ich suche. Wenn ich zum Beispiel Streicher brauche, gehe ich über NKS, statt Kontakt zu öffnen – und schon sind alle meine Plug-in-Libraries von Drittanbietern direkt da. Oder ich tippe einfach einen Suchbegriff ein. Das erspart mir die mühsame Suche nach den richtigen Plug-ins. Ich hoffe wirklich, dass alle Plug-in-Hersteller auf diesen Zug aufspringen, denn es vereinfacht meine Effektketten enorm – besonders bei komplexen Sound-Libraries, durch die man sich sonst mühsam durchwühlen muss.

Außerdem wird die gesamte Software automatisch gemappt, sodass du nicht auf Millionen von Drehreglern starrst. Ich arbeite sehr gerne mit den Benutzeroberflächen von Native Instruments, und NKS mappt alles so, dass es immer vertraut aussieht – egal, ob du ABSYNTH, BATTERY oder MASSIVE nutzt. Wenn du zum Beispiel ein Filter suchst, ist es immer an derselben Stelle und klar beschriftet. So kannst du direkt loslegen. Das ist dasselbe Prinzip wie bei Ableton Push, das sich ebenfalls perfekt in Ableton einfügt.

Honley Civic Archives

Mein neuestes Release ist Honley Civic Archives Volume 1. In den letzten sechs oder sieben Monaten konnte ich einige Streicher*innen aufnehmen und jede Menge schräge Field-Recordings mit meinem iPhone einfangen. Das habe ich dann mit einigen Sample-Libraries von Spitfire Audio kombiniert – darunter Kontakts Olafur Arnalds Evolutions, das Uni Cord Piano und Reaktors VHS-Effekt. So konnte ich superschnell spannende Drone-Sounds erzeugen und daraus diese riesigen Sound-Collagen bauen.

Inspiriert hat mich The Cinematic Orchestra – die Band nimmt stundenlang Musik auf und setzt am Ende alles zusammen, um etwas Interessantes daraus zu schaffen. Ich habe alles Mögliche durch etliche Plug-ins und Reaktor-Delays gejagt, um eine gewaltige, unheimliche Soundwand zu erzeugen, und das Ganze auf einer Bandmaschine aufgenommen. Das Tape habe ich immer wieder verlangsamt oder beschleunigt, indem ich in unregelmäßigen Abständen meine Hand darauf gelegt habe. Es klingt herrlich düster, aber gleichzeitig wunderschön – besonders, wenn man Vocals durchschickt. Ich glaube, es tut mir ganz gut, hin und wieder mal etwas mit den Händen zu machen.

Das kürzlich erschienene „Honey Civic Archives Volume 1“ von Thomas Ragsdale ist über Soundtracking the Void via Bandcamp erhältlich.

Foto-Credits: Danny Payne

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