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Marcela Rada über die Demokratisierung der Musikproduktion für Immersive Audio

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Marcela Rada

Immersive Audio verändert die Art und Weise, wie wir Musik hören. Aber für Toningenieurin, Dozentin und Doktorandin Marcela Rada von The Immersive Lounge (TIL) verändert es vor allem auch, wie wir Musik überhaupt erst machen. Für sie ist es ein kreatives Rahmenwerk, das Songwriting, Arrangement, Aufnahmetechniken und sogar die Art, wie Künstler*innen ihre eigene Musik wahrnehmen, grundlegend verändert.

In diesem Interview zeigt Marcela einen praxisnahen, künstlerzentrierten Weg in die Immersive-Produktion auf – und erklärt, warum kritisches Abhören in einem 7.1.4-Raum so entscheidend ist und wie du Mixe erstellst, die auf Kopfhörern, Soundbars, im Auto und in Mehrkanalräumen gleichermaßen überzeugen.

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Außerdem sprechen wir über iZotope RX für Stem-Separation, weit verbreitete Missverständnisse und wie The Immersive Lounge Wissenslücken schließt.

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Welche kreativen Möglichkeiten eröffnen sich beim Songwriting für Immersive Audio?

Immersive Audio erweitert das Klangfeld auf eine Weise, die neu definiert, wie Musik überhaupt erdacht wird. Künstler*innen überdenken oft ihre Arrangements und rhythmischen Strukturen, sobald sie mit diesem Gefühl von Bewegung und Raumtiefe arbeiten. Ich erinnere mich an eine Session, in der wir uns entschieden haben, einen kompletten Chor einzubinden – einfach, weil so viel Platz im Mix war. Es ging nicht um Effekthascherei – der Raum erlaubte es der Musik einfach, ihn zu tragen.

Marcela Rada – Foto: Natasha Winge
Foto: Natasha Winge

Es ging nicht um Effekthascherei – der Raum erlaubte es der Musik einfach, ihn zu tragen.

Die Vorproduktion wird oft zu einem Moment der Entdeckung. Sobald Musiker*innen verstehen, was das Format möglich macht, beginnen sie schon beim Schreiben daran zu denken, anstatt Immersive Audio erst nachträglich hinzuzufügen.

Profi-Tipp von Marcela Rada: Wenn du hörst, wie viel Raum dieses Format bietet, scheue dich nicht davor, deine klangliche Palette zu erweitern. Manchmal bedeutet das etwas so Mutiges wie das Hinzufügen eines Chors … und das Ergebnis kann fantastisch sein.

Wie verändert kritisches Abhören in 7.1.4 die Perspektive von Musiker*innen?

Hör-Sessions mit Künstler*innen in einem kalibrierten 7.1.4-Raum und über Kopfhörer sind ungeheuer spannend. Das ist eine meiner liebsten Phasen in der Musikproduktion. Ich liebe es, Atmos-Referenzen im jeweiligen Genre zu vergleichen und den Fokus auf das räumliche Bewusstsein zu legen – vorne, hinten und die vertikalen Ebenen über den Hörer*innen.

Wenn Künstler*innen Dinge wie Höheninformationen hören, beginnen sie meist sofort damit, das Klangerlebnis neu zu gestalten: Was schwebt oben, was bewegt sich, was bleibt fest verankert?

Es ist ein 360-Grad-Klangfeld, das sich in vielerlei Hinsicht von Stereo unterscheidet. Man muss sich zum Beispiel deutlich weniger Gedanken über Verdeckungseffekte machen, da Frequenzen nicht mehr um denselben engen Platz im Mix kämpfen.

Profi-Tipp von Marcela Rada: Nimm dir in der Vorproduktion die Zeit, in einem kalibrierten Raum kritisch zu hören. Das hilft Musiker*innen, ihre Musik schon vor der Aufnahme völlig neu zu denken.

Wie unterscheidet sich der Recording-Workflow bei Immersive-Sessions?

Bei TIL hören wir bereits während der Aufnahme in 7.1.4 ab, sodass Lokalisierungsentscheidungen (die Platzierung einzelner Elemente im Mix) vom ersten Take an getroffen werden. Die Mikrofonierungsstrategie hängt vom Projekt ab, aber zwei Prinzipien gelten immer:

  1. Den Raum einfangen: Mikrofon-Arrays, die frühe Reflexionen und Raumatmosphäre erfassen, sorgen später bei Kopfhörer-Hörer*innen für eine Externalisierung des Klangs – mit anderen Worten: Der Sound fühlt sich an, als befände er sich im Raum und nicht im Kopf.
  2. Signale trennen, wo immer es geht: Wenn du bereits weißt, dass die Gitarre ganz links auf mittlerer Höhe liegen soll und die Vocals in der Mitte, gibt dir eine saubere Signaltrennung maximale Freiheit im Mix. Wenn Stems aus einem Stereo-Projekt geliefert werden, helfen Tools zur Quelltrennung enorm.
Foto: Natasha Winge
Foto: Natasha Winge

Ein Tool wie die Stem-Separation in iZotope RX ist oft die erste Wahl, um Vocals, Drums oder Instrumente vor der räumlichen Platzierung voneinander zu trennen.

Profi-Tipp von Marcela Rada: Versuche immer, Klangquellen bereits bei der Aufnahme zu trennen. Das spart später Zeit und macht die Lokalisierung präziser. Wenn du Audiosignale nachträglich trennen musst, ist RX eine hervorragende Option.

Was sollten Mixing-Engineers über Dolby Atmos, Beds vs. Objekte und das Übersetzen des Mixes wissen?

Ein entscheidender Unterschied für alle, die neu bei Immersive sind, ist der Umgang mit Beds im Vergleich zu Objekten. Atmos-Beds sind auf 7.1.2 beschränkt und eignen sich daher ideal für statische Elemente wie Ambience oder Raummikrofone. Alles, was sich bewegen, präzise platziert werden oder zusätzliche Höhenenergie bringen soll, sollte stattdessen ein Objekt sein. Objekte sind layoutunabhängig, sodass deine künstlerische Absicht auf verschiedenen Systemen erhalten bleibt.

Eine weitere Überraschung ist, wie intensiv man über die Übersetzung des Mixes nachdenken muss. Dein Mix wird nicht nur in einem einzigen Raum abgespielt. Er muss auf binauralen Kopfhörern, Stereo-Fold-Downs, Soundbars, Auto-Soundsystemen und Mehrkanal-Setups funktionieren. Objekte lassen sich auf diesen Formaten meist berechenbarer übersetzen als feste Bed-Spuren.

Und auch wenn es verlockend ist, die meiste Zeit über Kopfhörer zu arbeiten, solltest du den Mix vor der finalen Abgabe immer auf Lautsprechern überprüfen. Kopfhörer eignen sich hervorragend zum Mischen, aber erst Lautsprecher zeigen, wie der Mix im Raum atmet.

Profi-Tipp von Marcela Rada: Nutze Objekte für Elemente, die sich bewegen oder Präzision erfordern, und behalte Ambience und Reflexionen in einem Objekt-Bed.

Vor welchen Hürden stehen Independent-Künstler*innen bei Immersive Audio und wie lassen sie sich überwinden?

Die größte Hürde ist meiner Meinung nach die Wissenslücke. Viele Indie-Künstler*innen glauben zum Beispiel, dass sie für zwei Mixe bezahlen müssen (Stereo und Atmos). Starte stattdessen mit einem Dolby Atmos-Mix und rendere die Stereoversion direkt daraus. Die Anforderungen an das Mastering mögen sich unterscheiden, aber du brauchst keine doppelten Mix-Budgets oder Abnahmen für zwei separate Versionen.

Foto: Bridie Main
Foto: Bridie Main

Profi-Tipp von Marcela Rada: Wenn du mit Immersive Audio arbeitest, bezahle nicht für zwei Mixe. Starte in Atmos und rendere dein Stereo direkt daraus.

Können Bedroom-Producer schon heute mit Immersive durchstarten, und was sollten sie für den Anfang wissen?

Absolut. Aktiviere Dolby Atmos in deiner DAW (mit Logic Pro geht der Einstieg am schnellsten), platziere Elemente im Raum und höre binaural über Kopfhörer ab. Zum Produzieren und Lernen reicht das völlig aus. Für den finalen Mix solltest du das Ganze allerdings vorab auf einem Lautsprecher-Setup gegenhören.

Ich höre ständig Missverständnisse über Immersive Audio. Deshalb möchte ich ein paar Dinge klarstellen, die dir beim Einstieg helfen können.

Viele behaupten, das sei Zukunftsmusik – aber die Wahrheit ist, dass es längst da ist. Auf Apple Music, Amazon Music und TIDAL gibt es bereits riesige Kataloge.

Ein weiteres gängiges Missverständnis ist, dass man spezielle Kopfhörer bräuchte. Das stimmt nicht. Jeder Kopfhörer funktioniert für binaurales Abhören. Wenn du plattformabgestimmte Hardware wie AirPods mit Apple Music nutzt, hast du natürlich ein paar zusätzliche Features, aber zwingend nötig ist das keineswegs.

Und schließlich glauben einige, dass ein Atmos-Remix automatisch besser klingt. Das ist nicht immer so. Wenn Musik für Stereo konzipiert wurde, klingt sie in Stereo oft am besten. Immersive funktioniert dann am besten, wenn es von Grund auf dafür entwickelt wurde.

Profi-Tipp von Marcela Rada: Denk daran: Immersive bedeutet nicht automatisch besser. Es funktioniert, wenn es gezielt für dieses Format erschaffen wurde.

Warum ist Community-Building essenziell für das Wachstum von Immersive Audio?

In meiner Doktorarbeit geht es darum, das Wissen rund um die Immersive-Produktion zu demokratisieren. Im Moment existieren viele der Anforderungen und Best Practices nur in sehr kleinen Kreisen – etwa bei Labels, Entwicklungsstudios oder einer Handvoll Toningenieur*innen. Ich möchte Workflows und Leitfäden veröffentlichen, die all das für jeden zugänglich machen, damit noch mehr Mixing-Engineers und Künstler*innen auf Top-Niveau arbeiten können.

Genau deshalb bauen wir bei The Immersive Lounge Ressourcen auf. Wir veröffentlichen Einführungsvideos, einen monatlichen Newsletter, Tutorials und Musik. Denn am Ende nützt die Technologie nur etwas, wenn es auch Musik zu hören gibt. Wenn Musiker*innen keine Alben in Immersive Audio produzieren, verlieren die Tools und Wiedergabegeräte ihren Zweck.

Profi-Tipp von Marcela Rada: Ohne Musik und Content, der speziell für Immersive geschaffen wird, verliert die Technologie ihren Sinn. Die Künstler*innen müssen die treibende Kraft sein.

Fazit

Marcela Radas Ansatz für Immersive Audio zeigt, dass das Format eine neue Denkweise erfordert – und zwar vom ersten Hinhören an. Indem sie Künstler*innen für kritisches Abhören sensibilisiert, sie dazu ermutigt, den Raum von Beginn an mitzudenken, und Mixe anstrebt, die überall überzeugen, macht sie Immersive sowohl zugänglich als auch künstlergetrieben.

Vielen Dank an Marcela, dass sie ihre Einblicke mit uns geteilt und gezeigt hat, dass Immersive ebenso viel mit kreativer Vorstellungskraft wie mit technischer Präzision zu tun hat.

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