Felix Raphaels neues Album DO YOU spiegelt eine enorme emotionale Bandbreite wider – ein Pendeln zwischen Zweifel, Heilung und Erfüllung, das sich zutiefst persönlich anfühlt, ohne je an Dynamik zu verlieren. Über die gesamte Tracklist hinweg wird deutlich: Jeder Sound ist ganz bewusst gewählt und geformt. Ob kurze Vocal-Phrase oder langgezogene Pad-Passage – alles bewegt sich in einem präzise gestalteten Raum, der nahtlos zwischen intimer Klarheit und überwältigender räumlicher Weite wechseln kann.
Dieses Gespür für Balance überträgt sich auch auf sein Live-Set, in dem Raum die Dynamik der Performance maßgeblich prägt. Statt auf statische Reverb-Settings zu setzen, die fest in der Session verankert sind, nutzt Felix Raum wie ein echtes Live-Instrument – gemappt auf Return-Kanäle und in Echtzeit moduliert. Das gibt ihm die Freiheit, eine Phrase im Raum stehenzulassen, Übergängen eine ganz eigene Atmosphäre zu verleihen oder das Stereofeld direkt vor den Augen des Publikums völlig neu zu formen.
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- Raum auf Return-Kanäle mappen
- Emotion und Kontrolle in der Live-Performance
- Mit Raum emotionale Nuancen widerspiegeln
- Vocal-Räume in Creation formen
- Die Kunst des Weglassens und der Wert von Freiräumen
- Hardware und Software auf der Bühne verbinden
Das Ergebnis ist ein Rig, das die klangliche Tiefe des Studios mit mitreißender Bühnenpräsenz verbindet – getragen von Kontrolle, Feingefühl und einem präzisen Gespür für Raum. Hier erklärt Felix im Detail, wie er Raum einsetzt – von Studiosessions bis hin zu großen Bühnenshows.
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Wie mappst du Size, Decay und Mix in Raum für nahtlose Übergänge live?
Das Geheimnis liegt in den Send-Kanälen.
Ich behandle Raum wie ein Instrument mit zwei dedizierten Return-Bussen: einem „Room“-Return für intime Präsenz und einem „Atmos/Drones“-Return für weite, epische Hallfahnen.

Auf dem Room-Bus mappe ich den Mix-Regler auf einen Fader mit langem Regelweg und einem bewusst defensiven Regelbereich (ungefähr 10–35 %). Das Decay halte ich kurz, um Vocals oder Gitarren dezent nach vorne zu holen, ohne sie im Hall ertrinken zu lassen.
Auf dem Atmos/Drones-Bus steuert ein einziges Macro Size und Decay gemeinsam in sanften Kurven, während das Pre-Delay im Bereich von 20–60 ms bleibt, um die Artikulation nicht zu verwischen. Durch die Arbeit mit Return-Sends statt Inserts kann ich die Tiefenstaffelung unabhängig vom Direktsignal steuern. Dadurch wirken Übergänge wie eine echte Inszenierung – als würde man Musiker*innen auf einer imaginären Bühne näher heranholen oder weiter weg bewegen –, statt einfach nur einen Effekt ein- und auszuschalten.

Für ausladendere Gesten halte ich das Ausklingen eines Akkords oder einen Vokalkonsonanten über die Freeze-Funktion auf dem Atmos/Drones-Bus fest und spiele dann über dieser schwebenden Fläche weiter. Da Raum für nahtloses Umschalten optimiert ist und Freeze musikalisch reagiert, kann ich dieses Pad formen, indem ich Size reinfahre – ganz ohne Knackser oder Nebengeräusche. Perfekt, um einem Chorus oder Intro mit dichten Drone-Texturen mehr Tragweite zu verleihen.
Dahinter sitzt ein Sidechain. Den Low-Cut halte ich bei rund 150–200 Hz und den High-Cut zwischen 8–12 kHz, damit das Pad den Mix trägt, statt mit anderen Elementen zu konkurrieren.

Pro-Tipp von Felix Raphael: Nutze Freeze wie ein Instrument. Lege Freeze auf einen Taster (Momentary Button), um das Ende einer Phrase einzufangen und über dem endlosen Klangteppich weiterzuspielen. Die Funktion ist perfekt auf weiche Übergänge ausgelegt und reagiert live extrem musikalisch.
Warum setzt du Raum live ein – und wie stellst du sicher, dass alles zuverlässig läuft?
Das Kernthema meines Albums DO YOU bewegt sich im Spannungsfeld von Zweifel, Heilung und Erfüllung. Gefühle, die sich an jedem Abend anders anfühlen können. Ich wollte einen Hall, den ich in Echtzeit spielen kann – statt Presets einfach nur einmal einzustellen und zu vergessen.
Das bedeutet nicht, dass meine Backing-Tracks komplett trocken wären. Aber ein Live-Reverb wie Raum ist für mich das perfekte Mittel, um Stimmungen zu lenken. Es ist wie ein Ambient-Instrument, das ich in ruhigeren Songpassagen spiele. Ich nutze Freeze, um eine Atmosphäre aufzubauen, oder kurze Decay-Zeiten, um den gesamten Mix im Break kurz vor dem Drop in Hall zu tauchen. Umso wuchtiger schlägt es ein, wenn danach schlagartig wieder alles trocken und druckvoll zupackt.
Zuverlässigkeit ist vor allem eine Frage von Setup-Architektur und Zurückhaltung. Ich setze Raum ausschließlich auf Return-Kanälen ein, damit reichlich CPU-Headroom bleibt. Das Mapping ist unkompliziert gehalten und auf feste Wertebereiche begrenzt, sodass ich den Mix selbst im Adrenalinrausch nicht versehentlich mit Hall überflute. Raum reagiert extrem gut auf Echtzeit-Steuerung – genau das macht es zum idealen Performance-Tool.
Was die Freeze-Funktion angeht: Über den IAC-Treiber schicke ich am Ende jedes Tracks einen automatisierten „Freeze Off“-Befehl.
Pro-Tipp von Felix Raphael: Arbeite mit zwei Return-Kanälen: einem kurzen „Grounded“-Return für Präsenz und einem längeren „Airy“- oder „Cosmic“-Return für weite Hallräume. Überblende lieber zwischen den Returns, statt mitten in der Phrase den Algorithmus umzuschalten.
Wie hilft dir Raum dabei, die emotionalen Wendepunkte von DO YOU live zu transportieren?
Absolut. Das Album erzählt vom Ringen mit sich selbst über Erfüllung hin zu innerer Balance. Mit den Algorithmen von Raum zeichne ich diesen Weg räumlich nach. Grounded liefert Nähe und Ehrlichkeit für fragile Phrasen. Airy öffnet den Raum zur Hoffnung und lässt Sounds aufblühen. Cosmic hebt Raum und Zeit auf – perfekt für surreale Momente, in denen die Welt stillzustehen scheint. Die Räume, die Raum erzeugt, rahmen die Texte genau im richtigen Moment ein.

Das bedeutet keineswegs, dass ich Raum in erster Linie für Vocals nutze. Es hilft mir vielmehr, die Grundstimmung eines Songs auf unterschiedlichste Art zu prägen.
Die Freeze-Funktion ist dabei besonders ausdrucksstark. Weil Freeze den Hall so musikalisch einfriert, kann ich die Dynamik im Moment steuern. Vor allem vor einem Drop – du kennst diese Momente nach einem langen Build-up, in denen alle Hände oben sind. Mit Raum kann ich diesen Augenblick so lange ausdehnen, wie ich will. Danach verenge ich die Hallform oder sogar das Stereofeld, um punktgenau in den Drop überzuleiten.
Pro-Tipp von Felix Raphael: Schütze die Klarheit mit Pre-Delay: 20–60 ms sorgen dafür, dass Transienten und Konsonanten vorne im Mix bleiben, während der Hall sich erst dahinter entfaltet.
Wie stellst du Raum für markante Vocal-Wechsel ein, ohne live die Kontrolle zu verlieren?
Wenn ich live auftrete, arbeite ich mit Tontechniker*innen zusammen, die meine Vocals kontrollieren. Der Reverb auf dem Gesang wird dabei meistens eher kurz gehalten.

Für bestimmte Passagen – wie die in Creation, die du erwähnt hast – schichte ich einen zweiten Hall darüber. Diese zweite Instanz von Raum nutzt einen anderen Algorithmus, ein anderes Pre-Delay und ein anderes Decay. So klingt der Raum nicht abrupt ab, wenn ich den Regler zurückdrehe. Wichtig ist auch, einen Sidechain vom Gesang auf den Hall einzurichten. Das verhindert, dass der Reverb die Vocals überlagert.
Pro-Tipp von Felix Raphael: Begrenze deine Mappings. Setze Minima und Maxima fest, damit du auf der Bühne vor lauter Adrenalin nicht versehentlich alles in Hall ertränkst.
Wann weißt du während eines Sets, dass es Zeit ist, die Finger vom Reverb zu lassen?
Es ist entscheidend, sich schon vor der Show über den Spannungsbogen des Halls im Klaren zu sein. Man muss auch Zurückhaltung beweisen können. Sobald die wichtigsten Elemente wie Textzeilen oder Transienten an Kontur verlieren, ist das das Signal, den Reverb in Ruhe zu lassen. Bau den Mix lieber um den bestehenden Raum herum auf, statt immer noch mehr Hall dazuzugeben. Begrenzte Regelbereiche für Mix und Decay helfen dabei enorm – sie verhindern, dass man sich mitten im Set festfährt.

Ich empfehle außerdem, in Leerstellen zu denken – im „Negative Space“. Wenn die Akustik im Raum ohnehin schon voller Emotionen ist, nutze Dynamik und Phrasierung, um damit zu spielen. Oft ist der mutigste Schritt gar keine Bewegung. Lass den Raum atmen und widerstehe der Versuchung, jede Steigerung mit noch mehr Hall zu überfrachten. Das Publikum spürt diese Souveränität sofort – und deine größten Hall-Momente entfalten genau dadurch ihre volle Wirkung.
Ich lerne selbst immer noch dazu, wie wichtig das ist, aber weniger ist definitiv mehr. Stille kann eine unglaubliche Wucht haben.
Pro-Tipp von Felix Raphael: Filtere deine Hallfahnen. Ein Low-Cut bei etwa 150–200 Hz und ein High-Cut bei rund 8–12 kHz sorgen dafür, dass Pads warm und tragend klingen, statt harsch oder matschig zu wirken.
Welchen Rat hast du für die Balance zwischen Hardware und Software auf der Bühne?
Bau dein Rig so auf, dass es deinen Händen folgt. Ich habe schon unzählige Setups mit unterschiedlichem Equipment und wechselnder Anordnung ausprobiert – und werde das wahrscheinlich auch weiterhin tun. Ich experimentiere einfach gern, aber man sollte vor jeder Show auf jeden Fall genug damit proben.

Mein größter Wendepunkt war, den DJ-Tisch direkt vor mir komplett abzubauen. Ich habe mein Setup geöffnet – und damit die gesamte Bühne freigelegt. Plötzlich fühlte es sich an, als stünde eine ganze Band mit mir oben, und das Publikum war unmittelbar bei uns.
Das hat einen riesigen Unterschied gemacht, weil ich den Leuten auf einmal ganz nah war und die Energie eine völlig andere wurde. Ein Tisch ist verständlich – er bietet Schutz und einen Ort, hinter dem man sich verstecken kann. Aber er nimmt dir die Freiheit auf der Bühne. Ein offenes Setup fühlt sich anders an und sieht anders aus. Lass das Publikum dein Handwerk sehen und spüren. Das hebt jede Performance auf ein neues Level.
Echte Instrumente wie Gitarre oder Klavier sind fantastisch. Sie vermitteln dir und deinem Publikum greifbare, physische Energie. Software wie Raum rahmt diese Energie im Raum ein. Klare Aufgabenverteilungen sorgen dafür, dass das Setup musikalisch bleibt, statt in Menüs zu versinken. Und natürlich läuft alles in der DAW als Mutterschiff zusammen – der absolute Dreh- und Angelpunkt für ein Live-Set.
Stabilität geht immer vor Feature-Flut. Wenige, präzise gemappte Instanzen auf Returns schlagen einen Wald aus Inserts jederzeit. Achte auf CPU-Headroom, schließe Hintergrundprozesse und rechne kritische Übergänge als Sicherheitsnetz vorher als Audio raus. Wenn du dann im richtigen Moment Risiken eingehst, bleibt das System im besten Sinne unspektakulär und stabil. So hört das Publikum die Kunst – und nicht die Technik dahinter.
Pro-Tipp von Felix Raphael: Nutze Returns für Headroom. Lass Raum auf Return-Spuren statt Inserts laufen, um CPU-Ressourcen zu schonen.
Fazit
DO YOU ist ein durch und durch performance-orientiertes Album, das von der Energie im Raum lebt. Raum liefert Felix genau die Werkzeuge, die er braucht, um Reverb als aktiven Teil des Arrangements einzusetzen – statt nur als Beiwerk im Hintergrund.

Jedes Element im Rig erfüllt eine präzise Funktion: Return-Kanäle tragen den Raum, Macros steuern Übergänge und gezieltes Filtern sorgt für Transparenz im Mix. Hinter diesem Setup stecken unzählige Proben, der Fokus auf maximale Stabilität und emotionale Kontrolle – so entsteht Raum für eine lebendige Performance, ganz ohne starre Automationen. Das Ziel ist nicht, durch Komplexität zu beeindrucken, sondern ein System zu schaffen, das Nacht für Nacht verlässliche, intuitive Kontrolle bietet. Felix beweist bei seinem Equipment dieselbe Zurückhaltung wie in seinen Arrangements – und lässt jede Entscheidung von klarer Intention leiten.