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Wie Tom Schraeder mit Thrill dem Horror Menschlichkeit verleiht

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Tom Schraeder feature

Der Soundtrack von Filmkomponist Tom Schraeder für Vicious, den neuen psychologischen Horrorfilm von Paramount+ mit Dakota Fanning in der Hauptrolle, spannt die Nerven wie ein Drahtseil. Schon lange bevor die Kameras liefen, begann er mit der Filmmusik direkt anhand des Drehbuchs von Bryan Bertino. Er komponierte die Hauptthemen zunächst für ein 64-köpfiges Orchester, bevor er den Klang immer weiter verdichtete und nach innen zog.

Das Ergebnis war ein roher, nervenaufreibender Sound voller Knarren, metallischem Ächzen und menschlichem Atem. Schraeders selbstgebaute „Terror Box“ wurde zum Herzstück dieses Klangs – ein Holzinstrument, das er aus Resten zusammenbaute. Zusammen mit Thrill von Native Instruments verlieh sie dem Score seine übernatürliche Dimension.

Mit Thrill fand Schraeder einen Weg, Beklemmung und Angst in Bewegung zu übersetzen.

Dank der sich organisch entwickelnden Texturen und der intuitiven Steuerung über die XY-Achse wirkte das Instrument lebendig und spiegelte die Brüchigkeit von Fannings Charakter wider, während sie immer tiefer in Angst verfällt. Im Zusammenspiel mit Live-Instrumenten und experimentellen Aufnahmen von Weggefährten wie Clive Deamer (Radiohead, Portishead) und Stan Harrison (David Bowie, Bruce Springsteen) wurde Thrill zum unsichtbaren Puls der Musik – eine Brücke zwischen dem Organischen und dem Jenseitigen.

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Der Soundtrack atmet, gerät in Panik und bricht in sich zusammen – fast so, als würde ihn dieselbe Box heimsuchen, die im Zentrum der Filmhandlung steht. Finden wir also heraus, wie Tom seine Klangmagie entfaltet.

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Vicious erzeugt eine geradezu beklemmende Spannung. Welche emotionale Atmosphäre wolltest du schaffen, als du angefangen hast, die Musik direkt anhand des Drehbuchs zu komponieren?

Als ich begann, die Musik zu Vicious anhand des Drehbuchs zu schreiben, habe ich mich zuerst den Hauptthemen gewidmet – Stücken wie „Polly Theme“, „Vicious Theme“ und „Hour Glass“.

Tom Schraeder – THRILL – A

Ursprünglich habe ich für ein 64-köpfiges Orchester komponiert, doch währenddessen fing ich an, die spätere „Terror Box“ zu bauen. Den Ausgangspunkt bildete eine alte Cigar-Box-Gitarre: Ich habe den Boden herausgerissen, eine neue Holzbox in etwa der Größe von Pollys Schatulle im Film gebaut und Kontaktmikrofone, Federhall und Pedale hinzugefügt – dazu diverse Federn, Lineale und Metallteile, die gestrichen oder angeschlagen werden konnten, um verstörende, perkussive Klänge zu erzeugen.

Tom Schraeder im Interview

Im weiteren Verlauf ließ ich mich klanglich von allem inspirieren, womit Dakota im Film interagiert. Ich wollte ihre Angstspirale akustisch nachbilden und zeigen, wie sich Spannung aus scheinbar alltäglichen Geräuschen der Umgebung aufbauen kann.

Meine eigene Angst äußert sich oft über Klänge: winzige Geräusche, die sich überlagern und aufschaukeln, bis sie überwältigend werden. Diesen Gedanken habe ich aufgegriffen. So wurden Zigarettenschachteln zu Drones, Weingläser zu schneidenden Frequenzen und die Terror Box hielt alles als physische Manifestation von Unbehagen zusammen.

Ich kombinierte all diese Elemente mit dem Orchester, den handgefertigten Instrumenten und den Found-Sound-Aufnahmen. So entstand nach und nach das Klangbild von Vicious: eine klaustrophobische, erdrückende Klangwelt, in der man das Gefühl hat, die Musik rücke einem immer näher auf den Leib.

Ich wollte Musik schaffen, die man in der Brust und im Kopf spürt – nicht bloß in den Ohren.

Profi-Tipp von Tom Schraeder: Verleihe deinen Plug-ins menschliche Züge. Wenn du ein Plug-in benutzt, lass es menschlich klingen und sich lebendig anfühlen. Besonders im Horror-Genre ist Realismus alles. Sobald es zu mechanisch wirkt, reißt es mich persönlich aus der Geschichte. Behalte die Kontrolle über das Plug-in und lass es nicht deinen Sound bestimmen. Scheue dich nicht vor kleinen Unvollkommenheiten – genau in diesen menschlichen Nuancen liegt oft die eigentliche Magie.

Was hat dich dazu bewogen, Thrill als Basis für den Spannungsaufbau zu nutzen?

Die organische, greifbare Spannung, die ich bereits aufgebaut hatte, verlangte nach Nuancen von etwas Jenseitigem – etwas, das die bösartige, äußere Macht der Schatulle verkörpern konnte. Genau hier kam Thrill ins Spiel: Es gab mir die Möglichkeit, eine übernatürliche Ebene einzuführen, die einen Kontrast zu Pollys innerer, psychologischer Abwärtsspirale bildete.

Da der Großteil des Scores in ihrer inneren Welt verankert ist, erwies sich Thrill als perfektes Werkzeug, um gelegentlich die Grenzen der Realität zu sprengen und die Linie zwischen Wirklichkeit und Wahn verschwimmen zu lassen, sobald die Story es verlangte.

Tom Schraeder Story
Foto: Alison Kolb

Was mir an Thrill am besten gefiel, war seine Vielseitigkeit, insbesondere die Steuerung über die XY-Achse. Ich hatte das Gefühl, den Sound in Echtzeit formen zu können – dass er von einem Menschen kontrolliert wurde und nicht der Computer das Stück bestimmte.

Tom Schraeder – THRILL – B

Dieses menschliche Element war entscheidend. Die Riser und Swells sollten lebendig wirken, atmen und reagieren, als stecke Absicht dahinter. Genau deshalb habe ich mich für Thrill entschieden: Es verlieh der Musik eine kluge, unberechenbare und im Kern zutiefst menschliche Ausstrahlung.

Profi-Tipp von Tom Schraeder: Hol dir den Rhythmus zurück. Die moderne Art, Musik „in the box“ zu produzieren – Wortspiel unbeabsichtigt –, hat uns extrem auf Metronome fixiert, und ich nehme mich da absolut nicht aus. Dabei vergessen wir manchmal die ganz natürliche Verbindung zwischen menschlichem Geist und Rhythmus. Bei Vicious haben wir ganz bewusst auf den Klicktrack verzichtet, um der physischen Erfahrung der sich auflösenden Charaktere treu zu bleiben und die natürliche Spannung eines unbeständigen Timings zu nutzen.

Hast du Thrill während des Prozesses eher als Sound-Design-Tool oder als traditionelles Instrument eingesetzt?

Thrill lässt sich absolut wie ein traditionelles Instrument einsetzen, und das habe ich in der Vergangenheit auch getan. Bei Vicious diente es jedoch eher als Sound-Design-Tool. Es ergänzte die organische Klangpalette, die wir bereits aufgebaut hatten. Wir hatten enorm viel Zeit darauf verwendet, Drones und Texturen aus lebendigen, organischen Sounds, erweiterten Spieltechniken und Gegenständen zu entwickeln, mit denen Dakota im Film interagiert. Thrill erwies sich als perfekter Weg, diese übernatürlichen Schichten im weiteren Verlauf der Geschichte zu verstärken.

Tom Schraeder im Studio

Was mir an Thrill am besten gefiel, war seine Vielseitigkeit, insbesondere die Steuerung über die XY-Achse. Ich hatte das Gefühl, den Sound in Echtzeit formen zu können – dass er von einem Menschen kontrolliert wurde und nicht der Computer das Stück bestimmte.

Tom Schraeder – THRILL – C

Dieses menschliche Element war entscheidend. Die Riser und Swells sollten lebendig wirken, atmen und reagieren, als stecke Absicht dahinter. Genau deshalb habe ich mich für Thrill entschieden: Es verlieh der Musik eine kluge, unberechenbare und im Kern zutiefst menschliche Ausstrahlung.

Profi-Tipp von Tom Schraeder: Hol dir den Rhythmus zurück. Die moderne Art, Musik „in the box“ zu produzieren – Wortspiel unbeabsichtigt –, hat uns extrem auf Metronome fixiert, und ich nehme mich da absolut nicht aus. Dabei vergessen wir manchmal die ganz natürliche Verbindung zwischen menschlichem Geist und Rhythmus. Bei Vicious haben wir ganz bewusst auf den Klicktrack verzichtet, um der physischen Erfahrung der sich auflösenden Charaktere treu zu bleiben und die natürliche Spannung eines unbeständigen Timings zu nutzen.

Hast du Thrill während des Prozesses eher als Sound-Design-Tool oder als traditionelles Instrument eingesetzt?

Thrill lässt sich absolut wie ein traditionelles Instrument einsetzen, und das habe ich in der Vergangenheit auch getan. Bei Vicious diente es jedoch eher als Sound-Design-Tool. Es ergänzte die organische Klangpalette, die wir bereits aufgebaut hatten. Wir hatten enorm viel Zeit darauf verwendet, Drones und Texturen aus lebendigen, organischen Sounds, erweiterten Spieltechniken und Gegenständen zu entwickeln, mit denen Dakota im Film interagiert. Thrill erwies sich als perfekter Weg, diese übernatürlichen Schichten im weiteren Verlauf der Geschichte zu verstärken.

Tom Schraeder – THRILL – F

Besonders begeistert mich an Thrill, wie nahtlos es sich mit anderen Instrumenten und Layern verbindet. Ganz gleich, ob ich Chöre oder Streichertexturen mit Elementen wie dem Waterphone kombinierte: Thrill fand immer seinen Platz im Mix. Es wurde zu einer unverzichtbaren Textur, um Riser aufzubauen, Spannung zu halten und geschmeidige Übergänge zwischen Szenen zu schaffen.

Tom Schraeder – THRILL – D

Als Horror-Komponist muss ich ehrlich sagen: Es gibt ein Leben vor Thrill und ein Leben nach Thrill. Es bereichert nicht nur den kreativen Schaffensprozess, sondern spart auch jede Menge Zeit – und klingt dabei immer musikalisch und lebendig.

Profi-Tipp von Tom Schraeder: Bleib authentisch. Nur weil es unsere Aufgabe als Komponist*innen ist, die Vision einer anderen Person zum Leben zu erwecken, heißt das nicht, dass wir unsere künstlerische Identität aufgeben müssen. Ich höre oft von Kolleg*innen, sie könnten jedes Genre bedienen. Für mich ist es jedoch viel wichtiger, aus einer Haltung heraus zu komponieren, die sich aufrichtig und emotional ehrlich anfühlt.

Wie hast du während des Kompositionsprozesses die Balance zwischen orchestralen und synthetischen Elementen gehalten?

Tom Schraeder – THRILL – E

Wir hielten die Balance zwischen orchestralen und synthetischen Elementen, indem wir von Beginn an darauf achteten, dass sich alles so organisch und bewusst wie möglich anfühlte. Selbst beim Einsatz von Plug-ins als Texturen stand das menschliche Element immer im Vordergrund. Die synthetischeren Sound-Design-Ebenen hoben wir uns für die Momente auf, in denen die Story ins Übernatürliche abdriftete.

Thrill funktionierte am besten, wenn diese Soundwand irgendwo zwischen archaischer Klassik und modernem Chaos liegen sollte, durchwoben von avantgardistischen Jazz-Dissonanzen. Diese Verschmelzung des Orchesters – der Holzbläser, Streicher und des Klaviers – mit den experimentelleren Elementen wie der Terror Box oder den Klangtexturen aus Thrill erzeugte ein akustisches Tauziehen zwischen Erhabenheit und Klaustrophobie.

Alles baute auf den musikalischen Themen auf, bis der Moment kam, sie zu dekonstruieren: Die Melodien lösten sich auf, während die Geschichte und Pollys Psyche zerbrachen. Im perfekten Moment griffen wir Fragmente dieser Themen wieder auf, um ihren Gefühlszustand zu spiegeln und das Ganze wieder zusammenzuhalten.

Profi-Tipp von Tom Schraeder: Das Bild lügt nie. Ganz gleich, wie sehr du ein Musikstück liebst: Wenn es nicht zum Bild passt, fang von vorne an. Vertraue dem Visuellen.

Welchen Rat würdest du Nachwuchskomponist*innen geben, die Thrill oder ähnliche Libraries zum ersten Mal im Psychothriller- oder Horror-Genre einsetzen?

Mein wichtigster Rat für alle, die noch am Anfang stehen und Thrill oder ähnliche Libraries nutzen: Geht furchtlos auf Entdeckungsreise und denkt daran, dass Horror nicht immer nur erschreckend sein muss. Taucht ein in die psychologische, emotionale und sogar schöne Seite der Sounds. Thrill ist unglaublich facettenreich in Textur und Klangfarbe. In seiner Dunkelheit liegt echte Schönheit, wenn man behutsam damit umgeht. Es bietet eine fantastische Balance aus tiefen und hohen Frequenzen und lässt die Mitten frei für die Emotionen, die die Szene verlangt.

Tom Schraeder – THRILL – D

Ich glaube, ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Horrormusik ununterbrochen furchterregend sein muss. Bei manchen Filmen mag das funktionieren, aber in meinen Scores konzentriere ich mich eher auf Momente, in denen das Leben selbst zum Horror wird – etwa wenn man eine niederschmetternde Nachricht erhält, in Panik verfällt oder mit Trauer konfrontiert ist.

Im echten Leben gibt es weder das Titelthema von Halloween noch die Streicher-Stabs aus Psycho (auch wenn das ziemlich cool wäre – ich liebe diese Scores). In der Realität fühlen sich solche Momente eher wie verstärkte dramatische Spannung an, die in Trauer umschlägt. Für mich funktioniert es viel besser, Horror als echtes Drama oder Suspense zu begreifen und sich die erschütternden Crescendos erst zu verdienen, statt sich permanent darin zu bewegen. Mit Thrill gelingt genau diese Balance: Das Instrument bietet ebenso viel Schönheit wie Schrecken – und genau dieser Kontrast hat es mir angetan.

Einen Horrorfilm – oder eigentlich jedes andere Genre – zu vertonen, ist letztlich eine Frage des Respekts: Respekt vor den Bildern, dem Schauspiel, dem Publikum und vor allem Authentizität gegenüber der Story. Ich gebe das jetzt mal sinngemäß wieder, aber die legendäre Bonnie Hunt sagte mir einmal: „Filmmusik ist mehr als nur Musik. Sie ist die finale Drehbuchfassung.“ Das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Tom Schraeder – THRILL – E

Du musst das Drehbuch genauso gut kennen wie die Schauspieler*innen. Diene der Geschichte, erzähle nicht deine eigene. Wenn Regisseur*innen von Anfang bis Ende eine knallharte Horror-Soundkulisse wollen, bin ich natürlich sofort dabei – auch das gehört zum Job. In dieser Branche ist kein Platz für Eitelkeiten. Wir sind dazu da, die Vision der Regie umzusetzen.

Zum Glück liefert ein Plug-in wie Thrill sowohl Schönheit als auch Grauen – und genau in dieser Dualität entsteht echtes Storytelling.

Profi-Tipp von Tom Schraeder: Lass Unfälle zu und mach etwas Neues daraus. Perfektionismus kann den Funken ersticken, der Musik lebendig macht.

Fazit

Tom Schraeder Motiv
Foto mit freundlicher Genehmigung von Alison Kolb

Das Gespräch mit Tom Schraeder bot spannende Einblicke in die Gedankenwelt von jemandem, der Horror als etwas zutiefst Menschliches versteht. Seine Arbeit an Vicious zeigt, wie viel Feingefühl und Absicht in einem Soundtrack stecken können, wenn Technologie der Emotion dient, statt sie zu ersetzen. Wie er handgemachte Instrumente wie die Terror Box mit cineastischen Tools wie Thrill verbindet, erinnert daran, dass die stärkste Spannung aus Kontrasten entsteht – wenn Präzision auf Instinkt und Struktur auf Chaos trifft.

Vielen Dank an Tom für seine Zeit und die Einblicke in seinen Workflow. Seine Musik für Vicious beweist, dass Plug-ins weit mehr sein können als bloße Produktionswerkzeuge: Mit Geduld und Fantasie werden sie zu echten Instrumenten des Storytellings.

Entdecke die dunkle Seite des Sound-Designs und Komponierens mit Thrill:

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