Der in Berlin lebende Produzent A.D.H.S. hat in den letzten Jahren einen beachtlichen Aufstieg hingelegt – getragen von gezielten Releases und kompromisslosen Produktionen. Seine Musik erschien bereits zweimal auf Drumcode mit Tracks auf den Compilations A-Sides Vol. 11 und 12. Mit Can’t Hear You, einer Single in Kollaboration mit Bart Skils, gelang ihm der nächste große Schritt: Es ist sein erster Solo-Credit auf Drumcode – und ganz nebenbei Skils’ persönlicher Lieblingstrack zum Abschluss seiner aktuellen Sets.
Wir haben uns kurz vor dem Release mit A.D.H.S. unterhalten, um mehr über seinen Produktionsprozess zu erfahren, wie Komplete Kontrol seinen Workflow beschleunigt und wie der Wechsel von HipHop zu Techno ihn schließlich auf einige der größten Festivalbühnen Europas gebracht hat.
Inhalte dieses Artikels:
- Wie sein Produktions-Setup aussieht
- Wie Komplete Kontrol seine Drops formt
- Jammen vs. Feilen im Songwriting-Prozess
- Seine Strategie, um Tracks schneller fertigzustellen
- Tipps, um neue Richtungen in einem Track zu entdecken
- Wie sich das Vertrauen in seinen Workflow mit der Zeit verändert hat
Schauen wir uns also die wichtigsten Tools von A.D.H.S. genauer an – darunter das Kontrol S49 Keyboard –, sein Studio-Mindset und ein paar praxiserprobte Tipps, die Produzent*innen auf jedem Level weiterhelfen.
Wie sieht dein Studio normalerweise aus, wenn du einen neuen Track von Grund auf aufbaust?

Direkt vor mir steht das Kontrol S49 als meine zentrale Bedienoberfläche.
Zu meiner Rechten befindet sich die Ableton Push und links die Maschine MK3. Dieses Setup bietet mir maximalen Workflow – und genau das stand beim Produzieren für mich schon immer an erster Stelle. Außerdem sorge ich über die Beleuchtung gern für die passende Atmosphäre.
Profi-Tipp: Zuerst auf Laptop- und Smartphone-Lautsprechern abmischen. High-End-Kopfhörer sind super, aber wenn deine Hauptelemente auf einem Smartphone- oder Laptop-Lautsprecher nicht zünden, rettet auch der beste Mix nichts mehr. Tatsächlich starte ich die meisten meiner Ideen nur über Laptop-Lautsprecher. Auf diese Weise konzentriere ich mich voll auf die emotionale Wirkung des Sounds – anstatt mich zu früh in klanglichen Details zu verlieren.
Hat Komplete Kontrol deinen Workflow bei komplexeren Projekten verändert? Und wie nutzt du Komplete Kontrol bei der Arbeit an einem Drop, um die Balance aus Emotion und Härte zu finden?

Komplete Kontrol hat meine Arbeitsweise in vielerlei Hinsicht verändert. Aber wenn ich einmal im Flow bin, herrscht bei mir immer noch ein ziemliches Chaos – da könnte ich also wohl immer noch Hilfe gebrauchen, haha.
Ich mappe die Instrumente, die ich nutze, auf die Drehregler des Kontrol S49 und drücke einfach auf Aufnahme. Dann lasse ich meinen Ideen freien Lauf – Emotionen rauslassen und verschiedene Richtungen ausprobieren, ganz egal, welches Element ich gerade spiele.
Nach ein paar Minuten Jammen höre ich mir das Ganze noch mal an und suche heraus, was am besten zum Track passt. Mit dem Kontrol S49 fühlt es sich an, als würde ich meine VST-Synths wie echte Instrumente spielen. Unmittelbar. Ohne Kabelsalat, einfach purer Workflow. Und da ich ein riesiger Fan von Pitch-Driftings bin, ist das Modulationsrad bei mir eigentlich im Dauereinsatz.

Profi-Tipp: Verschiedene Richtungen ausprobieren, bevor man sich festlegt. Gib deinem Track den Raum, sich zu entwickeln. Ich teste oft ganz unterschiedliche Richtungen – tausche Drums oder Basslines aus anderen Projekten aus, wechsle die Tonart, mache das Ganze schneller oder langsamer, einfach um zu sehen, was emotional Klick macht und die gewünschte Energie transportiert. Dieser Prozess hilft mir, genau bei der Version zu landen, die die Grundidee am besten auf den Punkt bringt.
Arbeitest du Ideen eher in einer einzigen Session komplett aus, oder baust du kleinere Loops, an denen du später feilst?

Das hängt total vom Tag ab. Manche Tracks entstehen in einer einzigen Session, andere beginnen mit einem winzigen Element, zu dem ich erst Tage später zurückkehre. Manchmal ist es eine Zeitfrage, aber ehrlich gesagt liebe ich es einfach, in wenigen Minuten schnelle Loops zu bauen, ohne den Druck, direkt einen ganzen Track fertigstellen zu müssen. Das fühlt sich viel spielerischer an. Was ich allerdings immer mache: Tracks später verfeinern. Ich höre sie mir bei Spaziergängen oder auf Zugfahrten an und mache mir Notizen, um sie weiterzuentwickeln.
Profi-Tipp: iZotope Ozone als zweites Paar Ohren. Ich nutze Ozone direkt nach der ersten Version eines Tracks. Sobald das Plug-in den Mix analysiert hat, schaue ich mir genau an, was der Master Assistant vorschlägt. Oft weist er mich auf Probleme hin, die mir gar nicht aufgefallen sind, einfach weil ich schon zu tief im Prozess steckte. So funktioniert Ozone wie ein frisches Paar Ohren auf Abruf.
Welche Dinge hast du früher unnötig verkompliziert, die du heute bewusst simpel hältst?

Als ich anfing, nutzte ich unzählige Plug-ins, packte Effekt über Effekt auf jedes einzelne Element und probierte alle möglichen verrückten Arrangement-Tricks aus. Ich habe jeden Sound wie das Hauptelement behandelt und wollte sein volles Potenzial ausschöpfen – ohne zu merken, dass ich damit oft den eigentlichen Kern zerstörte.
Rückblickend glaube ich, dass das ein deutliches Zeichen dafür war, von der Idee oder dem Sound nicht zu 100 % überzeugt gewesen zu sein und zu versuchen, das Ganze irgendwie zu „retten“.

Nach und nach habe ich begriffen, dass weniger mehr ist. Man braucht nur ein paar starke Elemente, solides Processing und genug Platz, damit sie glänzen können. Und wenn etwas so gut klingt, wie es ist, ist es fertig. Trotzdem tappe ich ab und zu immer noch in die Falle, mich zu verrennen und Ideen zu Tode zu produzieren. Es gibt eben immer noch so viel zu lernen – aber genau das ist doch das Schöne daran.

Profi-Tipp: Zufälle funktionieren in Kontakt hervorragend. Das klingt vielleicht nicht ultra-professionell, aber ich schaue mir immer an, was passiert, wenn ich in Kontakt-Presets entweder Layer A oder B stummschalte. Das hat schon zu extrem vielen glücklichen Zufällen und unerwarteten Texturen geführt, die ich sonst nie entdeckt hätte. Dasselbe gilt für die Makros – spiel unbedingt damit herum. Die Preset-Sound-Designer*innen sind genial, und da schlummert jede Menge ungenutztes Potenzial.
Was hat sich für dich rückblickend verändert, als du aufgehört hast, nach Perfektion zu streben, und angefangen hast, deinem Prozess zu vertrauen?

Uff, so einiges.
Ich stelle heute definitiv viel mehr Tracks fertig. Mich nicht mehr an jedem kleinsten Mix-Detail aufzuhängen, spart unglaublich viel Energie – und tut der Musik letztlich auch gut.
Wenn ich mich zu lange im Kreis drehe, verliere ich schnell das ursprüngliche Gefühl für den Track. Mir zu erlauben, dem zu folgen, was mich wirklich begeistert – und nicht nur dem, was gerade im Trend liegt oder mir vielleicht einen Release auf einem Label verschafft –, hat einige meiner besten Arbeiten hervorgebracht. Wenn ich meinem Prozess vertraue, fühle ich mich bei Sessions viel zufriedener und freier.
Aber ich muss zugeben, dass es immer noch Tage gibt, an denen mir das Selbstvertrauen fehlt oder an denen ich zu viel nachdenke und an meiner Arbeit zweifle. Ich glaube, Selbstzweifel gehören zum Künstler*innen-Dasein einfach dazu. Um mich da selbst zu unterstützen, habe ich eine feste Routine entwickelt – eine Mischung aus mentalen und körperlichen Praktiken –, die mir hilft, mit meiner inneren Wahrheit verbunden zu bleiben.

Profi-Tipp: Teste deine Tracks, wenn du die Möglichkeit hast, Shows zu spielen! Ja, der Mix ist noch nicht fertig. Ja, andere Tracks klingen voller. Aber glaub mir: Nichts hilft dir mehr dabei, Tracks für den Dancefloor fertigzustellen, als sie direkt auf der Tanzfläche zu testen. Nach jedem Set notiere ich mir Ideen oder Feedback – entweder direkt nach dem Gig oder später im Hotel. Mit dieser Liste kann ich mich am nächsten Tag mit einem klaren, fokussierten Plan direkt ans Finetuning machen.
Fazit
Ein riesiges Dankeschön an A.D.H.S., dass er sich die Zeit genommen hat, einen Blick hinter die Kulissen seines Produktionsprozesses zu gewähren. Seine Ratschläge treffen genau ins Schwarze für alle, die Studiozeit und Live-Performances unter einen Hut bringen müssen, mit effizientem Workflow emotionale Wucht erzeugen wollen oder lernen müssen, wann Schluss mit dem Schrauben ist.
Mit starkem Support von Drumcode und einem neuen Release auf EXHALE ist er zweifellos auf der Überholspur. Und bei einem Workflow, der auf Gefühl, Experimentierfreude und schnellem Ausprobieren basiert, können wir uns noch auf einiges gefasst machen.