Das neue Album Sin & Redemption von Dove City auf IAMHER fängt die für das Duo typische Balance aus Licht und Schatten ein. Basierend auf stimmungsvollen, melodischen Texturen und emotionalem Songwriting widmet sich das Album Themen wie Spannung und Entspannung – und behält dabei über alle acht Tracks hinweg eine stimmige Identität bei.
Im Mittelpunkt des Sounds stand Lores von Native Instruments, das Josh und Danielle Dupont als eine leitende Präsenz während des gesamten Songwriting-Prozesses beschreiben. Seine cineastischen Klänge und organischen Atmosphären verliehen dem Projekt einen gemeinsamen Rahmen und machten Tracks wie „Coal in My Chest“ zu Momenten, die sich intim und zugleich episch anfühlen.
Direkt zu den Abschnitten:
- Einen klanglichen roten Faden finden – mit Lores
- Die Balance zwischen Emotion und Technik
- Glückliche Zufälle in der Produktion nutzen
- Wie „Coal in My Chest“ entstand
- Von Lores Zurückhaltung lernen
- Tipps für einen emotionalen roten Faden
In diesem Interview erzählen Dove City, wie Lores zum roten Faden des Albums wurde, welche Erkenntnisse sie in künftige Produktionen mitgenommen haben und wie die Konzentration auf emotionale Intention ihnen geholfen hat, ihren Sound zu definieren.
Klanggeschichten erzählen mit Lores
Sin & Redemption hat von Anfang bis Ende eine ganz bestimmte Stimmung. Ab welchem Moment wusstet ihr, dass sich ein durchgehender klanglicher roter Faden durch das gesamte Album ziehen sollte?
Wir hatten eigentlich gar nicht vor, ein Konzeptalbum zu machen.
Anfangs ging es nur darum, einen einzigen Track zu schreiben: „Coal in My Chest“. Bei diesem Track haben wir Lores zum ersten Mal geöffnet – und sobald wir den Sound gefunden hatten, der ihn tragen sollte, wussten wir, dass das etwas Besonderes ist. Der Klang war filmisch, organisch, eindringlich – nicht das, was man in House-Tracks erwarten würde. Wir hatten sofort das Gefühl, auf eine echte Geheimwaffe gestoßen zu sein. Als der erste Song fertig war, wollten wir weitermachen und sehen, wie weit wir diesen Sound noch treiben können.

Erst später wurde uns klar, dass Lores dem gesamten Projekt einen roten Faden gegeben hatte. Die mysteriöse und melancholische Atmosphäre, die das Instrument erzeugte, verband alles miteinander. Es ging also nicht darum, vorher ein Thema festzulegen – Lores hat uns das Thema im Laufe der Arbeit eher selbst offenbart. Das verlieh dem Album seine ganz eigene Identität: eine durchgehende emotionale Grundstimmung, die nicht geplant war, sich aber absolut richtig anfühlte.
Lores-Profi-Tipp von Dove City: Bevor du die Klaviatur berührst, frage dich, welches Gefühl der Track vermitteln soll. Lores zu öffnen und so lange durch die Patches zu scrollen, bis eines zu dieser Emotion passt, ist oft viel inspirierender als das Streben nach technischer Perfektion.
Wie balanciert ihr persönliche Emotionen und technische Entscheidungen aus, wenn ihr zu einem Sound wie Lores greift?
Für uns beginnt jeder Track mit einer Stimmung. Manchmal entsteht sie durch Vocals, manchmal durch eine Textur oder eine Akkordfolge – aber der Ausgangspunkt ist immer das Gefühl. Lores ist für diesen Ansatz wie geschaffen, denn jedes Preset fühlt sich an wie ein Tor zu einer anderen Atmosphäre. Bei Lores setzt man sich nicht hin und überlegt, welche Plug-in-Kette man braucht. Man spielt einfach drauflos und landet schließlich bei einem Sound, der genau den richtigen Nerv trifft. Das ist die Balance: Die emotionale Absicht gibt die Richtung vor, die technischen Entscheidungen folgen.

Sobald diese Stimmung steht, nutzen wir produktionstechnische Entscheidungen, um die Story drumherum aufzubauen. Wenn der Track Trauer oder Schwere transportiert, setzen wir auf dunklere Töne. Wenn er sich nach Befreiung oder Hoffnung anfühlt, bringen wir hellere Texturen ins Spiel. Auf diese Weise hat das Gefühl immer das erste Wort, und die Produktionstools helfen uns nur dabei, es präziser zum Ausdruck zu bringen.

So verhindern wir, dass unsere Musik jemals überproduziert wirkt. Das Ziel ist immer, die Seele des Tracks durchscheinen zu lassen – und mit Lores geht das ganz intuitiv.
Lores-Profi-Tipp von Dove City: Poliere nicht alles glatt. Die kleinen Ungenauigkeiten im Timing oder Phrasing von Lores sorgen für eine menschliche Note, die hervorragend mit elektronischen Elementen harmoniert. Lass ruhig ein paar dieser Ecken und Kanten stehen.
Gab es bei der Arbeit mit Lores glückliche Zufälle, die zu unerwarteten Richtungswechseln geführt haben?
Auf jeden Fall. Lores lädt solche glücklichen Zufälle geradezu ein.
Man sucht vielleicht nach einer bestimmten Textur und landet plötzlich in einer völlig anderen Gefühlswelt als geplant. Manchmal reichte es schon, eine einzige Note zu halten, um einen so intensiven Vibe zu erzeugen, dass sich der ganze Song komplett darum drehen musste. Beim Schreiben von Sin & Redemption ist uns das mehr als einmal passiert. Was als Hintergrund-Atmosphäre begann, wurde plötzlich zum tragenden Element des gesamten Tracks.

Ehrlich gesagt hat diese Offenheit auch damit zu tun, wer wir als Duo sind. Wir machen nicht nur zusammen Musik – wir sind verheiratet und haben Kinder. Unser Leben besteht darin, uns ständig anzupassen und eine neue Balance zu finden, sei es im Studio oder im Familienalltag. Wenn uns ein unerwarteter Sound aus Lores an einen neuen Ort führte, haben wir uns also nicht dagegen gewehrt. Wir haben uns voll darauf eingelassen. Genau diese kleinen Überraschungen wurden zu prägenden Momenten des Albums.
In gewisser Weise spiegelte Lores unser Leben wider: unberechenbar, aber voller Schönheit, wenn man es einfach geschehen lässt.
Lores-Profi-Tipp von Dove City: Viele denken, Lores sei nur für Filmmusik da, aber es glänzt genauso im Organic House und in elektronischen Tracks. Setzt man es in einem anderen Kontext ein, klingen die Texturen im Club-Umfeld absolut einzigartig.
„Coal in My Chest“ gibt den Ton für das Album an. Welchen Platz nimmt Lores in diesem Track ein und wie hat es die Gesamtatmosphäre geprägt?
„Coal in My Chest“ war der erste Track, den wir für das Album geschrieben haben, und zugleich unser erster Ausflug in Lores.

Gleich der allererste Sound, auf den wir gestoßen sind – ein Preset namens Rattling Waters –, wurde zum Rückgrat des Tracks. Es ist ein melancholisches Pad, das von Anfang bis Ende durchläuft und die gesamte emotionale Grundstimmung vorgibt. Diese Textur schuf den Rahmen für alles andere: den Rhythmus, das Pacing und schließlich die Vocals. Ohne dieses Fundament würde der Track schlicht nicht existieren.
Was den Song aber wirklich besonders gemacht hat, war die Zusammenarbeit mit Tone of Arc.

Wir hatten schon eine Weile am Instrumental gearbeitet und spielten es an einem Wochenende bei einer Show, bei der auch er auftrat, live als unseren letzten Song – noch völlig ohne Vocals. Direkt nach unserem Set ging er für seine Live-Show auf die Bühne und begann, darüber zu singen. Danielle und ich schauten uns nur an. Das war sofort einer dieser Momente, in denen man weiß: Das müssen wir unbedingt machen.
Eine Woche später schickte Tone Of Arc uns die Vocals – und sie waren unglaublich. Er erzählte, dass er zu der Zeit krank war, weshalb seine Stimme noch tiefer und rauer klang. Das passte perfekt zu der Stimmung, die Lores bereits vorgegeben hatte.
Diese Kombination aus dem wunderschön melancholischen Fundament von Lores und den rauen Vocals von Tone Of Arc verlieh „Coal in My Chest“ seine Identität. In vielerlei Hinsicht hat das das gesamte Album geprägt.
Lores-Profi-Tipp von Dove City: Behandle Lores beim Schreiben von Vocals wie einen Dialogpartner und nicht wie bloßes Hintergrundrauschen. Die Texturen schaffen den nötigen Raum, damit sich Songtexte emotional entfalten können – so erzählen Stimme und Instrumente die Geschichte gemeinsam.
Was habt ihr bei der Arbeit mit Lores an Sin & Redemption gelernt, das ihr in eure neuesten Releases mitgenommen habt?
Das Wichtigste, was wir gelernt haben, war der Wert von Zurückhaltung. Wenn man einen so vielschichtigen Sound wie Lores vor sich hat, ist die Versuchung groß, ihn überall einzusetzen. Doch je mehr wir schrieben, desto deutlicher wurde uns: Die Stärke von Lores liegt nicht nur in seinen Layern – sondern darin, ihm Raum zum Atmen zu geben. Manchmal reichte schon ein einziger gehaltener Akkord, um die gesamte Stimmung eines Tracks zu definieren. Diese Disziplin hat die Art und Weise verändert, wie wir an Arrangements herangehen.

Diese Lektion haben wir in alles einfließen lassen, was wir seither produziert haben. Heute konzentrieren wir uns viel mehr auf Atmosphäre und Raum, statt Dinge zu überproduzieren. Lores hat uns beigebracht, dass Emotion nicht immer dadurch entsteht, noch mehr hinzuzufügen – sondern dadurch, dem richtigen Sound im richtigen Moment den Vortritt zu lassen.
Diese Denkweise hat auch die Art geprägt, wie wir andere Instrumente und Plug-ins nutzen. Es hat uns das Selbstvertrauen gegeben, minimalistisch zu bleiben, wenn es dem Song guttut.
Lores-Profi-Tipp von Dove City: In Breakdowns kann sich Lores so richtig durchsetzen. Nimm die Drums zurück und lass die Texturen nach vorne treten – das setzt die Energie zurück, bevor der Rhythmus wieder mit voller Wucht einsetzt.
Was würdet ihr Produzent*innen raten, die das Gefühl haben, dass ihre Musik zu unzusammenhängend klingt, um einen emotionalen roten Faden zu finden?
Der rote Faden muss aus etwas Tieferem kommen als nur aus einem Genre oder Stil. Für uns geht es immer darum, einer Stimmung zu folgen. Das ist es, was alles zusammenhält. Wenn du ohne ein emotionales Zentrum schreibst, wird sich der Track nicht menschlich anfühlen – ganz egal, wie ausgefeilt die Produktion ist. Tools wie Lores helfen, weil sie dich sofort in einem Gefühl verankern. Aber die eigentliche Arbeit besteht darin, sich zu fragen: Was will ich mit diesem Song sagen? Sobald du diese Frage beantwortet hast, fällt der Rest der Entscheidungen viel leichter.

Außerdem würden wir sagen: Lauf keinen Trends hinterher.
In der Sekunde, in der man kopiert, was gerade „angesagt“ ist, hat man den Faden schon verloren. Trends ändern sich ständig, und man hinkt ihnen immer hinterher. Wenn du aber deinen emotionalen Instinkten vertraust und ihnen treu bleibst, entwickelst du einen Sound, der unverwechselbar deiner ist. Selbst wenn ihn nicht jede*r versteht: Du bleibst dir zumindest treu.
Kunst ist eine Möglichkeit, Gedanken und Emotionen greifbar zu machen. Beute die Kunst nicht aus. Nutze sie lieber als Therapie und akzeptiere die Realität, dass Popularität nicht das oberste Ziel ist. Sie ist kreativer Ausdruck und für viele von uns heilsam.
Lores-Profi-Tipp von Dove City: Es ist verlockend, mehrere Patches übereinanderzulegen, aber Zurückhaltung ist entscheidend. Wenn du dich für ein oder zwei herausragende Texturen aus Lores entscheidest, verleiht das dem Track oft mehr Durchsetzungskraft und Klarheit, als wenn du ihn überlädst.
Fazit
Sin & Redemption beweist Dove Citys Fähigkeit, ein Album zu kreieren, das wie aus einem Guss wirkt, ohne an Vielseitigkeit zu verlieren. Die Texturen von Lores sorgten für diese Kontinuität und schufen eine Atmosphäre, die ihren deepen, vocal-lastigen Stil mit einem klaren emotionalen Mittelpunkt verband.
Indem die Stimmung immer an erster Stelle und produktionstechnische Entscheidungen an zweiter standen, schufen Dove City Raum, um Songs atmen zu lassen, statt sie zu überfrachten. Dieser Ansatz verlieh dem Album sowohl Weite als auch Wirkung – und sie wenden ihn auch in neuen Projekten konsequent an.
Das Album markiert einen Wendepunkt für das Duo: Lores war dabei weit mehr als nur ein Produktionstool. Es wurde zum Fundament für musikalisches Storytelling, das ihnen dabei half, persönliche Emotionen in ein Gesamtkunstwerk zu übertragen, das berührt.