In den letzten Jahren hat Jazz ein großes Comeback gefeiert. Durch einflussreiche Artists wie Kendrick Lamar mit seinen jazzigen Instrumentals oder das Sampling im House erlebt Jazz wieder eine spürbare Welle an Relevanz. Musikproduzent*innen und Beatmaker*innen – ganz egal, in welchem Genre sie sich hauptsächlich bewegen – können enorm davon profitieren, sich mit Jazz-Theorie zu beschäftigen. Und dazu gehört auch das Schreiben von Jazz-Akkordfolgen.
Jazz-Akkordfolgen stecken voller harmonischer Vielfalt und Ausdruckskraft, die deinen Tracks ganz einzigartige Klangfarben verleihen können. Ganz gleich, ob du Jazz-Rap, House oder fast jedes andere Genre produzierst: Diese Akkordfolgen erweitern deine klangliche Farbpalette enorm.
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Was sind Jazz-Akkordfolgen?
Jazz-Akkordfolgen sind Abfolgen von Akkorden, die ihren Ursprung im Jazz haben. Jazz-Songs nutzen üppige Harmonien und komplexe Erweiterungen (Extended Chords), die einfachen Dreiklängen lebendige Klangfarben hinzufügen.
Die meisten gängigen Jazz-Akkordfolgen stammen aus sogenannten „Standards“. Jazz-Standards sind etablierte Kompositionen, die im Laufe der Zeit von unzähligen Musiker*innen gespielt und gecovert wurden. Viele dieser Songs feierten ihr Debüt in Broadway-Musicals. Einer der wichtigsten Aspekte des Jazz ist die Improvisation – Jazz-Musiker*innen nahmen sich die Akkordfolgen aus diesen Musicals vor, improvisierten Melodien darüber und machten daraus etwas völlig Neues.
Genau wie andere Dur- und Moll-Akkordfolgen gehören Jazz-Akkordfolgen niemandem – vor allem nicht in ihren kürzeren Formen. Nutze diese Folgen ganz nach Belieben in deiner Musik und passe sie an deine eigenen Vorstellungen an. Probiere verschiedene Tonarten und Kombinationen mit eigenen Melodien aus. Beim Experimentieren entsteht garantiert etwas Spannendes.
Und noch einmal: Selbst wenn du keinen Jazz machst, bringt dich diese Theorie weiter. Viele Musiker*innen, die eigentlich keine reinen „Jazz-Artists“ sind, nutzen Jazz-Akkordfolgen und -Samples in ihren Tracks. Warum solltest du sie also nicht auch in dein Songwriting einbauen?
Ein Beispiel dafür ist „Boredom“ von Tyler, The Creator. Dieser Track enthält eine der Akkordfolgen, die wir uns später noch genauer ansehen: die ii-V-I:
Was sind grundlegende Jazz-Akkorde?
Jazz-Theorie kann anfangs etwas einschüchternd wirken – fangen wir also ganz vorne an. Um Jazz-Akkorde zu verstehen, solltest du mit Dur- und Moll-Dreiklängen vertraut sein. Wir setzen hier ein grundlegendes Wissen über Musiktheorie voraus, da es um Konzepte wie Intervalle, Tonleitern und Harmonielehre geht. Falls nicht, frische diese Grundlagen gerne kurz auf und lies dann hier weiter.
Dreiklänge sind Akkorde, die entstehen, wenn drei Töne einer Tonleiter im Terzabstand übereinandergeschichtet werden. Diese drei Töne entsprechen in der Regel der ersten, dritten und fünften Stufe einer Tonleiter (die Formel lautet: nimm die erste Stufe, überspringe die zweite, nimm die dritte, überspringe die vierte, nimm die fünfte). Die beiden gebräuchlichsten Dreiklänge sind Dur und Moll.
Ein Dur-Dreiklang besteht aus einem Grundton, einer großen Terz und einer reinen Quinte. Das klingt so:
Ein Moll-Dreiklang besteht aus einem Grundton, einer kleinen Terz und einer reinen Quinte. Das klingt so:
Jazz-Akkorde bauen auf diesen grundlegenden Dur- und Moll-Dreiklängen auf und erweitern sie um zusätzliche Töne, die darüber geschichtet werden. Die erste Erweiterung, die üblicherweise ergänzt wird, ist die Septime (nach unserer Formel: überspringe die sechste Stufe, füge die siebte hinzu).
Septakkorde gibt es in verschiedenen Varianten. Den Anfang macht der Major-7-Akkord: Er besteht aus Grundton, großer Terz, reiner Quinte und großer Septime. In der Tonart C wären das die Töne C, E, G und B – und das klingt so:

Dieser Akkord heißt Cmaj7. Beachte, dass sich das „maj“ im Akkordnamen nicht nur auf die dritte Stufe der Tonleiter bezieht – was das Wort „Major“ bzw. „Dur“ bei einem einfachen Dreiklang normalerweise beschreibt –, sondern auch auf die Septime.
Der Dominantseptakkord (Dominant 7) ist wohl der am häufigsten verwendete Jazz-Akkord überhaupt. Er besteht aus Grundton, großer Terz, reiner Quinte und kleiner Septime. In C enthält er C, E, G und Bb. In der Akkordschreibweise werden Dominantseptakkorde ohne weiteren Zusatz außer der Ziffer 7 notiert. C7 (ohne Zusätze wie „minor“ oder „major“) steht also für einen C-Dominantseptakkord. Das klingt so:

(Als Faustregel beim Lesen von Jazz-Akkorden gilt: Sofern nicht ausdrücklich anders angegeben, ist die Septime im Akkord immer eine kleine Septime.)
Ein Moll-7-Akkord (Minor 7) besteht aus Grundton, kleiner Terz, reiner Quinte und kleiner Septime. Ein Cm7-Akkord besteht aus C, Eb, G und Bb. Das klingt so:

Der letzte grundlegende Jazz-Akkord, den wir uns ansehen, ist der Minor 7 Flat 5 (halbverminderte Septakkord). Er besteht aus Grundton, kleiner Terz, verminderter Quinte und kleiner Septime. Cm7b5 enthält C, Eb, Gb und Bb. Das klingt so:

Diese Akkorde können noch viele weitere Erweiterungen (Extensions) enthalten, aber um die Grundlagen von Jazz-Akkordfolgen zu verinnerlichen, solltest du dich zunächst an Septakkorde halten. Wenn du experimentieren möchtest, führe die Formel von vorhin einfach fort und schichte weitere leitereigene Töne im Terzabstand auf deine Akkorde.
5 beliebte Jazz-Akkordfolgen
Jetzt, da du die grundlegenden Bausteine von Jazz-Akkordfolgen kennst, schauen wir uns einige davon in der Praxis an. Zur besseren Orientierung geben wir bei den Bezeichnungen hier auch die Akkorderweiterungen mit an. Auf einem Jazz-Leadsheet (einer vereinfachten Notenübersicht) findest du jedoch oft nur rudimentäre Akkordangaben. Von dort aus kannst du deine eigenen Erweiterungen wie Septimen nach Belieben hinzufügen.
Beachte außerdem, dass diese Akkordfolgen nicht so starr zyklisch ablaufen wie die Progressions in der Popmusik. Im Jazz sind Akkordfolgen meist Teil größerer Formteile, weshalb sie manchmal etwas schwerer herauszuhören sind. Hör dir die Beispiele so oft wie nötig an, um die Akkordfolgen genau nachzuvollziehen.
Alle Beispiele werden in C (Dur und Moll) gezeigt.
1. iim7-V7-Imaj7 (Dur): Dm7-G7-Cmaj7
Die ii-V-I (ausgesprochen „Zwei-Fünf-Eins“) ist mit Abstand die häufigste Akkordverbindung im Jazz. Diese drei Akkorde finden sich auf unzähligen Aufnahmen.
Diese Akkordfolge funktioniert deshalb so gut, weil sie eng mit dem Quintenzirkel verknüpft ist: Der Grundton jedes Akkords liegt jeweils eine Quinte vom vorherigen entfernt. Das ist der Hauptgrund, warum diese Folge so allgegenwärtig ist – sie ermöglicht es, sich mühelos durch den Quintenzirkel zu bewegen und Modulationen (also Tonartwechsel) fließend umzusetzen.
Wenn du dich für eine einzige Jazz-Akkordfolge entscheidest, dann sollte es diese sein.
Die ii-V-I kannst du unter anderem in „Autumn Leaves“ hören – hier in der Version von Nat King Cole:
2. iim7b5-V7-im7 (Moll): Dm7b5-G7-Cm7
Dies ist eine Moll-Variante der obigen ii-V-I-Verbindung. Da sie auf einem anderen Modus (einer Kirchentonart) basiert, unterscheiden sich die Akkorde von denen der Dur-Version.
Die Moll-ii-V-i ist zum Beispiel in „Blue In Green“ von Miles Davis zu hören:
3. Imaj7-VI7-iim7-V7: Cmaj7-A7-Dm7-G7
Diese Akkordfolge stammt aus dem George-Gershwin-Song „I Got Rhythm“ und wird gemeinhin als „Rhythm Changes“ bezeichnet.
Die Progression verzweigt und entwickelt sich weiter, doch diese vier Akkorde bilden das Grundgerüst dieser populären Bewegung.
Du kannst sie in dieser Version von „I Got Rhythm“ von Sarah Vaughan hören.
4. Imaj7-II7-iim7-V7-Imaj7: Cmaj7-D7-Dm7-G7-Cmaj7
Hier kommt der sogenannte „Modal Interchange“ ins Spiel – auch hier spielen die Kirchentonarten wieder eine zentrale Rolle.
Ein Modal Interchange entsteht, wenn Akkorde aus anderen Modi „entliehen“ und in einer parallelen Tonart eingesetzt werden. Der II7-Akkord leitet sich aus dem parallelen lydischen Modus ab.
Diese Akkordfolge kannst du in „Take The A Train“ von Duke Ellington hören.
5. I7-IV7-I7-IV7-I7-V7-IV7-I7-V7: C7-F7-C7-F7-C7-G7-F7-C7-G7
Das mag wie eine lange Akkordfolge wirken, aber sie besteht aus gerade einmal drei Akkorden: I, IV und V.
Die Form dieser Progression ist entscheidend, damit man sie als Blues erkennt. Sie wurde auf unzähligen Aufnahmen gespielt, variiert und ist auch weit über den Jazz hinaus zur Ikone geworden.
Hör dir an, wie Milt Jackson in „Bags’ Groove“ über die Blues-Form und die Akkordfolge rifft.
Bring mit Jazz-Akkordfolgen mehr Farbe in deine Musik
Jazz-Akkordfolgen haben viele Musiker*innen außerhalb des Jazz nachhaltig beeinflusst. Das Genre ist bekannt für seine innovative und reichhaltige harmonische Sprache – Musikproduzent*innen und Beatmaker*innen aller Stilrichtungen können also jede Menge daraus lernen. Egal, ob du dich für Jazz selbst interessierst oder deinen Akkorden einfach mehr Farbe verleihen willst: Jazz-Akkordfolgen sind dafür der perfekte Einstieg.
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